An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang

Eduard Mörike

1867

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe! Welch neue Welt bewegest du in mir? Was ist′s, daß ich auf einmal nun in dir Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun, Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen; Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn, Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen, Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub ich doch zu schwanken; Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche. Seh ich hinab in lichte Feenreiche? Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken Zur Pforte meines Herzens hergeladen, Die glänzend sich in diesem Busen baden, Goldfarbgen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge; Wer hat das friedenselige Gedränge In meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke, Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt! Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt, Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke. Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht, Der Genius jauchzt in mir! Doch sage, Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht? Ist′s ein verloren Glück, was mich erweicht? Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?

- Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn: Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon! Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn; Die Purpurlippe, die geschlossen lag, Haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge: Auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

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Illustration zu An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang

Interpretation

Das Gedicht "An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang" von Eduard Mörike ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit der Stimmung und Atmosphäre einer frühen Winterdämmerung. Der Dichter beschreibt, wie er von einer sanften Wollust erfüllt wird, die seine Seele wie einen Kristall erscheinen lässt, der noch nicht vom Licht berührt wurde. Er spürt eine tiefe Verbindung zur Natur und empfindet eine Art spirituelle Erweckung, die ihn in einen Zustand der Offenheit und Empfänglichkeit für die Wunder der Welt versetzt. In den folgenden Strophen vertieft sich Mörikes Beschreibung dieser inneren Erfahrung. Er vergleicht die Bilder und Gedanken, die ihn überkommen, mit bunten Fischen, die in einem Teich schwimmen. Die Klänge von Hirtenflöten und Jugendgesängen vermischen sich in seinem Geist, und er fragt sich, wer dieses friedliche Gedränge in seine traurigen Wände gebracht hat. Die Stimmung wechselt zwischen Freude und Melancholie, und der Dichter reflektiert über die Stärke und den Mut, die er in diesem Moment empfindet, aber auch über die Wehmut, die seine Augen feucht werden lässt. Im letzten Teil des Gedichts wird die Dämmerung zur vollen Morgendämmerung, und der Tag beginnt seinen "königlichen Flug". Mörike beschreibt den Moment als einen Augenblick, der nicht stillstehen darf, da alles vergänglich ist. Die Nacht weicht dem Tag, und die Natur erwacht zu neuem Leben. Das Gedicht endet mit einer eindrucksvollen Beschreibung des Sonnenaufgangs, der wie ein Gott erscheint und die Welt in ein neues Licht taucht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht
Personifikation
Der erste Mark des heutgen Tags getränkt
Vergleich
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen