An einem trüben Tag

Kathinka Zitz-Halein

1801

Weshalb soll man das Erdenleben lieben Und diese rauhe Welt voll Harm und Streit, In welcher Wolken unsre schönsten Tage trüben, Und Zwietracht alle Harmonie entzweit; In welcher nur die Außenseite lächelt, Doch innerlich die Schlang′ verborgen lauscht, In welcher, wenn der Westwind kosend fächelt, Gleich hinterher ein rauher Nordwind rauscht; In welcher Blumen Fallen überdecken, In die die Unschuld, sich verderbend, stürzt, In der der Schmähsucht, der Verläumdung Flecken, Dem Redlichen das saure Leben kürzt? O, sie ist mir verhaßt mit ihren Spöttern, Mit ihrem Durst nach Rache, ihrem Zank, Mit ihrem Lärmen, ihren falschen Göttern, Mit ihrem prunkend Wohlthun ohne Dank; Zuwider ist sie mir, mit den Syrenen, Die schlichte Wandrer bald durch ihren Sang Anlocken, bald durch heuchlerische Thränen, Und ihm bereiten seinen Untergang. O, ihres Lärmens bin ich satt und müde - Fort mit dem Leben! - sei willkommen, Freund, Den Tod man nennet, du nur gibst uns Friede, Und küssest weg die Thränen, die man weint. Du nimmst von uns den herben Lebenskummer, Du wiegst uns sanft in deinen Armen ein; O, laß mich schlafen des Vergessens Schlummer, Verwandle du die Sinne mir zu Stein. Ein prachtvoll Denkmal mögen sie mir setzen, Auf welchem ich als schlanke Bildsäul′ steh′, Und Genien die Thränenurnen netzen, Und ich empor zum lichten Himmel seh′. Am Abend mag sich dann der Sturm erheben, Und wenn der Wind in Schauertönen grollt, Wenn alle Bäume bis zur Wurzel beben, Und dumpf der Donner durch die Wolken rollt, Dann mögen sie ein Requiem mir singen, Denn süß und labend wird mein Schlummer sein, Wenn mich des Todes Arme fest umschlingen, Und mich nicht störet der Gedanken Pein.

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Illustration zu An einem trüben Tag

Interpretation

Das Gedicht "An einem trüben Tag" von Kathinka Zitz-Halein ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Härte und Ungerechtigkeit des Lebens. Die Autorin beschreibt die Welt als einen Ort voller Kummer, Streit und Disharmonie, in dem Schönheit oft von Wolken getrübt wird und Harmonie durch Zwietracht zerstört wird. Die äußere Fassade mag lächeln, aber innerlich lauern Gefahren wie Schlangen. Die Unberechenbarkeit des Lebens wird durch den Kontrast von sanften Westwinden und rauen Nordwinden symbolisiert, während Blumen Fallen verbergen, in die die Unschuld stürzt. Die Autorin kritisiert die Neigung der Gesellschaft zur Rache, zum Zank und zum heuchlerischen Wohlverhalten ohne Dankbarkeit. Die Welt wird als ein Ort beschrieben, an dem die "Syrenen" – verführerische, aber gefährliche Gestalten – schlichte Wanderer durch ihren Gesang oder heuchlerische Tränen in den Untergang locken. Die Autorin drückt ihre tiefe Abneigung gegen das Getöse und die Falschheit der Welt aus und sehnt sich nach dem Tod als einem Freund, der Frieden bringt und Tränen trocknet. Der Tod wird als Erlöser von Lebensschmerz und Sorgen dargestellt, der sanft in den Schlaf des Vergessens wiegt und die Sinne in Stein verwandelt. Die Autorin wünscht sich ein prächtiges Denkmal, auf dem sie als schlanke Bildsäule steht, während Genien Tränenurnen netzen und sie zum Himmel aufschaut. Im letzten Teil des Gedichts imaginiert die Autorin, dass nach ihrem Tod am Abend ein Sturm aufzieht, mit heulendem Wind, bebenden Bäumen und rollendem Donner. In dieser dramatischen Szenerie wünscht sie sich, dass ein Requiem für sie gesungen wird, da ihr Schlaf durch den Tod süß und labend sein wird. Die Umarmung des Todes wird als endgültige Erlösung von der Pein der Gedanken dargestellt. Das Gedicht endet mit einer resignierten Akzeptanz des Todes als dem einzigen wahren Frieden in einer Welt voller Leiden und Ungerechtigkeit.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu An einem trüben Tag

Stilmittel

Kontrast
In welcher, wenn der Westwind kosend fächelt, Gleich hinterher ein rauher Nordwind rauscht
Metapher
Dann mögen sie ein Requiem mir singen
Personifikation
Und dumpf der Donner durch die Wolken rollt