An einem Sarge

Betty Paoli

1850

Unsel′ger du! der Dichter sich genannt, Ohn′ daß die heil′ge Flamme ihn durchdrungen! Für einen Traum, der trugvoll dich bezwungen Hast du dich von der Wirklichkeit gewandt!

Das Irrlicht, dem du hoffend nachgerannt, Zum Abgrund führte es, der dich verschlungen! Umsonst hast du gelebt, umsonst gesungen! Vom Loos des Dichters nur den Schmerz gekannt.

Sieh! jenen Kranz nach dem du Jahr′ um Jahre So heiß gekämpft auf dornenvoller Bahn, Das Mitleid legt ihn jetzt auf deine Bahre!

Fern sei′s von mir, daß ich die Spende rüge! Doch, wie dein Streben nur ein eitler Wahn, So folgt dir nun in′s Grab auch eine Lüge.

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Illustration zu An einem Sarge

Interpretation

Das Gedicht "An einem Sarge" von Betty Paoli ist ein kritisches und zugleich mitleidvolles Werk, das sich mit dem Schicksal eines Dichters auseinandersetzt, der vergeblich nach Ruhm und Anerkennung strebte. Die Autorin betrachtet den Sarg des Dichters und reflektiert über sein Leben und Werk, das von einem Mangel an wahrer poetischer Inspiration geprägt war. Die erste Strophe beschreibt den Dichter als "unglücklich" und "selbsternannt", der die heilige Flamme der Poesie nicht in sich spürte. Er wandte sich von der Realität ab und verfolgte einen trügerischen Traum, der ihn letztendlich in den Abgrund führte. Die Autorin wirft ihm vor, umsonst gelebt und gesungen zu haben, ohne das wahre Los des Dichters zu verstehen. In der zweiten Strophe wird das Streben des Dichters nach dem Lorbeerkranz thematisiert, den er mit Leidenschaft und Schmerz verfolgte. Doch nun, da er tot ist, wird ihm dieser Kranz nur noch als Zeichen des Mitleids auf sein Grab gelegt. Die Autorin distanziert sich von einer Verurteilung dieser Geste, erkennt aber an, dass auch das Streben des Dichters nur ein eitler Wahn war und ihm nun eine Lüge ins Grab folgt. Das Gedicht zeichnet ein trauriges Bild eines Dichters, der sein Leben lang nach etwas strebte, das ihm nie wirklich zuteilwurde. Es ist eine Kritik an der Selbstüberschätzung und der Verblendung, die einen Künstler treffen können, aber auch ein mitleidvolles Zeugnis für das Scheitern eines Menschen, der seine Träume nicht verwirklichen konnte.

Schlüsselwörter

hast umsonst unsel ger dichter genannt ohn heil

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Stilmittel

Alliteration
hast du gelebt, umsonst gesungen
Hyperbel
auf dornenvoller Bahn
Ironie
Doch, wie dein Streben nur ein eitler Wahn, So folgt dir nun in′s Grab auch eine Lüge
Kontrast
Für einen Traum, der trugvoll dich bezwungen Hast du dich von der Wirklichkeit gewandt
Metapher
die heil′ge Flamme
Personifikation
Das Irrlicht
Symbolik
Kranz