An einem Grabe

Nikolaus Lenau

1850

Kühl herbstlicher Abend, es weht der Wind, Am Grabe der Mutter weint das Kind, Die Freunde, Verwandten umdrängen dicht Den Prediger, der so rührend spricht. Er gedenkt, wie fromm die Tote war, Wie freundlich und liebvoll immerdar, Und wie sie das Kind so treu und wach Stets hielt am Herzen; wie schwer dies brach. Daß grausam es ist, in solcher Stund Die Toten zu loben, ist ihm nicht kund; Der eifrige Priester nicht ahnt und fühlt, Wie er im Herzen des Kindes wühlt. Es regnet, immer dichter, herab, Als weinte der Himmel mit aufs Grab, Doch stört es nicht den Leichensermon, Auch schleicht kein Hörer sich still davon. Die Tote hört der Rede Laut So wenig, als wie der Regen taut, So wenig als das Rauschen des Winds, Als die Klagen ihres verwaisten Kinds. Der Priester am Grabe doch meint es gut, Er predigt dem Volk mit Kraft und Glut, Verwehender Staub dem Staube, Daß er ans Verwehen nicht glaube.

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Illustration zu An einem Grabe

Interpretation

Das Gedicht "An einem Grabe" von Nikolaus Lenau beschreibt eine Beerdigungsszene, bei der ein Priester eine Grabrede hält. Die Atmosphäre ist düster und traurig, während der Prediger die Tugenden der Verstorbenen rühmt. Das Gedicht kritisiert jedoch die Unempfindlichkeit des Priesters, der nicht bemerkt, wie sehr seine Worte das weinende Kind verletzen, das seine Mutter verloren hat. Das Gedicht verdeutlicht die Diskrepanz zwischen den wohlmeinenden Absichten des Priesters und der tatsächlichen Wirkung seiner Worte. Während der Prediger glaubt, Trost zu spenden, indem er die Verstorbene lobt, verursacht er dem Kind zusätzliches Leid. Das Gedicht stellt die Frage, ob es angemessen ist, Tote in solch einer Situation zu preisen, ohne die Gefühle der Hinterbliebenen zu berücksichtigen. Die Natur, symbolisiert durch den herbstlichen Abend, den Regen und den Wind, scheint mit dem Kind zu trauern. Doch der Priester lässt sich davon nicht ablenken und predigt unbeirrt weiter. Das Gedicht endet mit der ironischen Feststellung, dass der Priester, obwohl er das Verwehen des Staubes predigt, selbst nicht daran glaubt. Dies deutet darauf hin, dass der Prediger seine eigene Sterblichkeit nicht akzeptieren kann und stattdessen an die Unsterblichkeit der Seele glaubt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Verwehender Staub dem Staube, Daß er ans Verwehen nicht glaube
Personifikation
Als weinte der Himmel mit aufs Grab