An eine schöne Erscheinung am Dreikönigstage

Clemens Brentano

1842

Nicht allen war der Himmel gleich geneigt, Und jeglichem ist andre Pflicht gegeben, Wie mancher betet an, wie manche Lippe schweigt, Der andere darf nur die Blicke heben. Der König Gold, der Weise Myrrhen reicht, Und Weihrauchwolken läßt der Melchior schweben. Der Kinder Lallen und der Liebe Stammeln, Des Sängers Lied muß sich zum Dienste sammeln.

Es hat der Herr sich eine Welt erbaut, Er hat sie mit der Schönheit ausgeschmücket, Er hat sie dem Gesetze anvertraut, Sein Siegel auf des Menschen Stirn gedrücket. O selig, wer in solche Augen schaut, Die solche Seligkeit der Welt entzücket, Ihm ist der Herr, ihm ist das Reich erschienen, Er weiß, er weiß, wo′s lieblich ist zu dienen.

Wie gütig ist der Herr, der überall. Da wo ich bin, da will er mir erscheinen, Und wo ich sing, grüßt ihn der Silben Hall, Und wo ich denke, kann ich ihn nur meinen,

Ihn lob ich lachend mit der Freude Schall, Ihn ehrt der Trauer still bescheidnes Weinen. Und was mich rührte, darf ich stolz auch singen, Denn nur zu ihm erheben sich die Schwingen.

Mir ward ein Aug, was herrlich ist, zu sehen, Ein Herz ward mir, was würdig ist, zu hegen, Die Sonne will mir auf- und untergehen, Der Anmut geh ich treu und fromm entgegen; Vor dir, du schöner Mensch, mag gern ich stehen, Dir, mir zulieb nicht, nein, nur Gottes wegen. Sei irdisch Himmel mir, und himmlich Erde, Daß Freundesdienst ein Gottesdienst mir werde.

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Illustration zu An eine schöne Erscheinung am Dreikönigstage

Interpretation

Das Gedicht "An eine schöne Erscheinung am Dreikönigstage" von Clemens Brentano ist ein Lobgesang auf die Schönheit und die göttliche Ordnung der Welt. Es beginnt mit einer Betrachtung der unterschiedlichen Pflichten, die jedem Menschen gegeben sind, und vergleicht sie mit den Gaben der Heiligen Drei Könige. Der Sprecher betont, dass jeder auf seine Weise dienen kann, sei es durch Gebet, Schweigen oder das Erheben der Blicke. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Schönheit der Welt als göttliches Geschenk gepriesen. Der Sprecher drückt seine Dankbarkeit aus, dass er Augen hat, um die Schönheit zu sehen, und ein Herz, um sie zu schätzen. Die Schönheit wird als Manifestation der göttlichen Ordnung und als Quelle der Seligkeit dargestellt. Der Sprecher fühlt sich berufen, diese Schönheit zu preisen und sie als Dienst an Gott zu verstehen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Begegnung mit einer schönen Erscheinung beschrieben, die den Sprecher tief berührt. Diese Begegnung wird als ein Geschenk Gottes verstanden, das den Sprecher dazu anregt, seinen Dienst an Gott zu erfüllen. Der Sprecher bittet die schöne Erscheinung, ihm als Vermittlerin zwischen Himmel und Erde zu dienen, damit sein Dienst an ihr zu einem Gottesdienst wird.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
wie mancher betet an, wie manche Lippe schweigt
Metapher
Daß Freundesdienst ein Gottesdienst mir werde
Personifikation
Der König Gold, der Weise Myrrhen reicht