An eine Schläferin

Friedrich von Hagedorn

1754

Erwache, schöne Schläferin, Falls dieser Kuß nicht zu bestrafen: Doch wenn ich dir zu zärtlich bin, Schlaf, oder scheine mir zu schlafen.

Die Unschuld, die nur halb erwacht, Wann Lieb′ und Wollust sie erregen, Hat öfters manchen Traum vollbracht, Den Spröde sich zu wünschen pflegen.

Was du empfindest, ist ein Traum: Doch kann ein Traum so schön betrügen? Gibst du der Liebe selbst nicht Raum: So laß dich dann ihr Bild vergnügen.

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Illustration zu An eine Schläferin

Interpretation

Das Gedicht "An eine Schläferin" von Friedrich von Hagedorn thematisiert die zärtliche und zugleich ambivalente Annäherung an eine schlafende Frau. Der Sprecher bittet sie, aufzuwachen, wenn der Kuss, den er ihr geben möchte, nicht zu streng bestraft wird. Sollte er jedoch zu zärtlich sein, bittet er sie, weiterzuschlafen oder zumindest so zu tun, als ob sie schliefe. Diese Einleitung deutet auf eine gewisse Unsicherheit und Rücksichtnahme des Sprechers hin, der die Reaktion der Frau fürchtet, aber dennoch den Wunsch verspürt, ihr nahe zu sein. In der zweiten Strophe wird die Unschuld der schlafenden Frau betont, die nur halb erwacht ist. Der Sprecher deutet an, dass die Unschuld, wenn sie durch Liebe und Verlangen erregt wird, oft Träume vollbringt, die eine verschlossene oder zurückhaltende Frau sich zu wünschen pflegt. Hier wird die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verwischt, und es wird suggeriert, dass die schlafende Frau möglicherweise unbewusst nach solchen Erfahrungen verlangt. Die letzte Strophe bringt die Ambivalenz des Gedichts zum Ausdruck. Der Sprecher fragt, ob ein Traum so schön täuschen kann, und fordert die Frau auf, der Liebe selbst keinen Raum zu geben, aber sich an ihrem Bild zu erfreuen. Dies deutet darauf hin, dass der Sprecher die Frau nicht zu einer wirklichen Liebeserfahrung zwingen möchte, sondern ihr vielmehr erlaubt, in der Traumwelt zu verweilen und sich an der Vorstellung von Liebe zu erfreuen. Das Gedicht vermittelt somit eine zarte und respektvolle Annäherung, die die Grenzen der bewussten Zustimmung respektiert.

Schlüsselwörter

traum erwache schöne schläferin falls kuß bestrafen zärtlich

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Stilmittel

Apostrophe
Erwache, schöne Schläferin
Hyperbel
Doch kann ein Traum so schön betrügen
Metapher
Schlaf, oder scheine mir zu schlafen
Personifikation
Die Unschuld, die nur halb erwacht
Rhetorische Frage
Gibst du der Liebe selbst nicht Raum: So laß dich dann ihr Bild vergnügen