An eine rothaarige Bettlerin

Charles-Pierre Baudelaire

1857

Bleiche du im roten Haar, Not und Armut schaut fürwahr Aus den Löchern deines Kleids Und viel holder Reiz.

Ja, dein schmächtiger Körper beut, Sommersprossenüberstreut, Seine Süssigkeit sogar Armen Dichtern dar.

Stolz und zierlich gehst du hin, Keine Märchenkönigin Trägt so leicht den seidnen Schuh, Wie den Holzpantoffel du.

Statt der Lumpen sollte dich Schwer umhüllen, feierlich Prunkvoll Kleid, das faltig bauscht Und den Fuss umrauscht.

Statt zerrissner Strümpfe sollt′ An dem Bein ein Dolch von Gold Lüstlings Blicke auf sich ziehn, Helle Funken sprühn.

Und das Tuch, das leicht sich löst, Zeig′ dem sünd′gen Blick entblösst Deiner Brüste strahlend Paar, Wie zwei Augen klar.

Deine Arme schnell bereit Sollen lösen Band und Kleid, Bieten leichten Widerstand Nur der kecken Hand.

Perlen klar und fehlerlos, Ein verliebt Sonett Belleaus Reich′ dir der Verehrer Schar Täglich kniend dar.

Manch ein kühner Reimeschmied Weihe dir sein erstes Lied, Und bewundre, wie dein Schritt Leicht die Stufen tritt.

Es umspäh′ in deinem Bann Kühner Knab′ und Edelmann, Seufzend mancher rauhe Held, Nachts dein lauschig Zelt.

Auf dem Lager sollen glühn Küsse mehr als Lilien blühn, Und ein Valois knie hier Als ein Knecht vor dir!

Bettelnd ziehst du Kind der Not. Hin durch Strassenschmutz und Kot, Sammelst aus dem Abfallhauf Dir die Lumpen auf.

Gierig streift den Schmuck dein Blick, Neunundzwanzig Sous das Stück, Das ich, rechne mir′s nicht an. Dir nicht schenken kann.

Geh denn hin ganz ohne Zier, Ohne Perlen und Saphir, Schlank und nackt und voller Ruh, Meine Schönheit du.

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Illustration zu An eine rothaarige Bettlerin

Interpretation

Das Gedicht "An eine rothaarige Bettlerin" von Charles-Pierre Baudelaire ist ein Loblied auf die Schönheit einer armen Frau, die trotz ihrer ärmlichen Umstände eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausstrahlt. Baudelaire beschreibt die Bettlerin als eine einzigartige und begehrenswerte Kreatur, die selbst in ihrer Armut eine gewisse Eleganz und Anmut besitzt. Der Dichter imaginiert, wie die Bettlerin aussehen würde, wenn sie in prächtigen Kleidern und Schmuck gehüllt wäre. Er malt sich aus, wie sie die Aufmerksamkeit und Bewunderung vieler Männer auf sich ziehen würde, darunter Dichter, Adlige und sogar Könige. Baudelaire sieht in ihr eine Verkörperung der Schönheit und des Begehrens, die über soziale Schranken hinweg wirkt. Am Ende des Gedichts kehrt Baudelaire jedoch zur Realität zurück und erkennt, dass er der Bettlerin seinen Wunsch nach Pracht und Reichtum nicht erfüllen kann. Er fordert sie auf, ihre Armut zu akzeptieren und in ihrer natürlichen Schönheit zu erstrahlen. Die Bettlerin bleibt für Baudelaire eine unvergleichliche Schönheit, die auch ohne Schmuck und prachtvolle Kleidung bezaubert.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Küsse mehr als Lilien blühn
Anapher
Statt der Lumpen sollte dich Schwer umhüllen, feierlich Prunkvoll Kleid, das faltig bauscht Und den Fuss umrauscht
Anspielung
Und ein Valois knie hier Als ein Knecht vor dir
Bildsprache
Und das Tuch, das leicht sich löst, Zeig′ dem sünd′gen Blick entblösst Deiner Brüste strahlend Paar, Wie zwei Augen klar
Enjambement
Bleiche du im roten Haar, Not und Armut schaut fürwahr Aus den Löchern deines Kleids Und viel holder Reiz
Hyperbel
Küsse mehr als Lilien blühn
Ironie
Neunundzwanzig Sous das Stück, Das ich, rechne mir′s nicht an. Dir nicht schenken kann
Kontrast
Bettelnd ziehst du Kind der Not. Hin durch Strassenschmutz und Kot
Metapher
Bleiche du im roten Haar
Personifikation
Not und Armut schaut fürwahr
Symbolik
Perlen klar und fehlerlos, Ein verliebt Sonett Belleaus Reich′ dir der Verehrer Schar Täglich kniend dar
Vergleich
Keine Märchenkönigin Trägt so leicht den seidnen Schuh, Wie den Holzpantoffel du