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An eine rothaarige Bettlerin

Von

Bleiche du im roten Haar,
Not und Armut schaut fürwahr
Aus den Löchern deines Kleids
Und viel holder Reiz.

Ja, dein schmächtiger Körper beut,
Sommersprossenüberstreut,
Seine Süssigkeit sogar
Armen Dichtern dar.

Stolz und zierlich gehst du hin,
Keine Märchenkönigin
Trägt so leicht den seidnen Schuh,
Wie den Holzpantoffel du.

Statt der Lumpen sollte dich
Schwer umhüllen, feierlich
Prunkvoll Kleid, das faltig bauscht
Und den Fuss umrauscht.

Statt zerrissner Strümpfe sollt′
An dem Bein ein Dolch von Gold
Lüstlings Blicke auf sich ziehn,
Helle Funken sprühn.

Und das Tuch, das leicht sich löst,
Zeig′ dem sünd′gen Blick entblösst
Deiner Brüste strahlend Paar,
Wie zwei Augen klar.

Deine Arme schnell bereit
Sollen lösen Band und Kleid,
Bieten leichten Widerstand
Nur der kecken Hand.

Perlen klar und fehlerlos,
Ein verliebt Sonett Belleaus
Reich′ dir der Verehrer Schar
Täglich kniend dar.

Manch ein kühner Reimeschmied
Weihe dir sein erstes Lied,
Und bewundre, wie dein Schritt
Leicht die Stufen tritt.

Es umspäh′ in deinem Bann
Kühner Knab′ und Edelmann,
Seufzend mancher rauhe Held,
Nachts dein lauschig Zelt.

Auf dem Lager sollen glühn
Küsse mehr als Lilien blühn,
Und ein Valois knie hier
Als ein Knecht vor dir!

Bettelnd ziehst du Kind der Not.
Hin durch Strassenschmutz und Kot,
Sammelst aus dem Abfallhauf
Dir die Lumpen auf.

Gierig streift den Schmuck dein Blick,
Neunundzwanzig Sous das Stück,
Das ich, rechne mir′s nicht an.
Dir nicht schenken kann.

Geh denn hin ganz ohne Zier,
Ohne Perlen und Saphir,
Schlank und nackt und voller Ruh,
Meine Schönheit du.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: An eine rothaarige Bettlerin von Charles-Pierre Baudelaire

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An eine rothaarige Bettlerin“ von Charles-Pierre Baudelaire ist eine komplexe Auseinandersetzung mit Armut, Schönheit und Begierde, die in einem paradoxen Spannungsverhältnis zueinander stehen. Es ist eine ergreifende Reflexion über die menschliche Wahrnehmung von Schönheit im Kontext sozialer Ungleichheit und materieller Not. Der Dichter wählt eine Bettlerin als Subjekt, um die Konventionen zu untergraben und die Leser zu zwingen, über traditionelle Schönheitsideale und die Rolle der Gesellschaft nachzudenken.

Baudelaire inszeniert in diesem Gedicht eine bemerkenswerte Ambivalenz. Einerseits wird die physische Erscheinung der Bettlerin, trotz ihrer Armut und ihrer zerlumpten Kleidung, durch intensive Bilder von Sinnlichkeit und Potenzial zur Schönheit hervorgehoben. Der Dichter idealisiert sie, indem er ihr eine Vorstellung von Opulenz und luxuriösem Leben entgegenstellt. Dies wird durch die Verwendung von Metaphern wie „Perlen“, „Saphir“ und „Valois“ betont, die eine Welt von Reichtum und Macht suggerieren, die der Bettlerin jedoch verwehrt bleiben. Andererseits ist sich Baudelaire der Realität der Armut bewusst, die er durch detaillierte Beschreibungen von „Strassenschmutz“, „Kot“ und „Lumpen“ verdeutlicht.

Die Sehnsucht des Dichters nach dem verklärten Ideal der Bettlerin ist ebenfalls zentral. Er wünscht sich eine Welt, in der die Bettlerin, die für ihn Schönheit verkörpert, die Aufmerksamkeit von Adligen und Dichtern gleichermaßen auf sich zieht. Die erotischen Konnotationen und die Idee, dass sie „leichten Widerstand“ bieten soll, deuten auf ein romantisiertes Bild von Verlangen und Eroberung hin. Dieses Verlangen wird verstärkt durch die Gegenüberstellung der realen Umstände der Bettlerin mit der utopischen Vision, in der sie von Verehrern angebetet wird und Reichtum erlebt. Der Dichter verweilt bei den Details der Verarmung und der Verwahrlosung und kontrastiert diese mit dem Wunsch, sie mit Luxus zu überhäufen, was letztendlich eine Reflexion über die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft ist.

Das Gedicht endet mit einer bitteren Pointe. Der Dichter, der die Bettlerin idealisiert und sich ihre Schönheit wünscht, gesteht, dass er ihr nicht einmal die bescheidenen 29 Sous, die für einen „Schmuck“ notwendig wären, geben kann. Dies unterstreicht die Ohnmacht des Einzelnen angesichts sozialer Ungleichheit und die Unmöglichkeit, die Kluft zwischen Armut und Reichtum zu überbrücken. Die Schlusszeile, „Meine Schönheit du“, deutet darauf hin, dass die Bettlerin für den Dichter eine Projektionsfläche für seine eigenen Sehnsüchte und Ideale ist, eine Verkörperung unerreichbarer Schönheit, die er trotz seiner Hingabe letztlich nicht erreichen kann.

In „An eine rothaarige Bettlerin“ verwebt Baudelaire auf subtile Weise eine Kritik an den sozialen Strukturen seiner Zeit mit einer leidenschaftlichen Erkundung der menschlichen Sehnsucht. Das Gedicht ist ein Zeugnis der Fähigkeit der Poesie, die Komplexität der menschlichen Erfahrung zu erfassen und Widersprüche zu veranschaulichen, die in der menschlichen Natur und der Gesellschaft selbst existieren. Baudelaire verwendet die Bettlerin, um über die Natur der Schönheit nachzudenken und die Grenzen der Hoffnungslosigkeit im Angesicht von Armut und Verzweiflung aufzuzeigen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.