An eine Quelle
1888Arme Nixe, die tief im Tannengesäusel des Schwarzwalds Leidendem Menschengeschlecht herrliche Labung ergießt, Hast du es so gemeint, daß dich die Herren vom Amte Für zinstragenden Pacht legen in Riegel und Schloß? Zweimal des Tags zwei Stunden ist dir zu fließen gestattet, Ueppigem Volke der Stadt rinnet dein silberner Quell. Kann er nicht schöpfen zur Zeit, der Lechzende, der sich ein Büschel Holz gieng suchen im Wald, nun so entbehre er denn! Fliehen wollt’ ich die Stadt, im Grünen, im Dunkel des Waldes Wollt’ ich vergessen, denn ach! jetzt ist Vergessen so süß! Aber was spreizt sich umher, was gagert, was schnarret, was plappert? Ludwigsburger und Stuttgarter Familienbrei, Starres Beamtenthum, gichtbrüchige Pensionäre Und mit dem vollen Sack klapperndes Geldmachervolk. »Fehlmich, Herr Oberjustiz« und »Fehlmich, Herr Legationsrath!« »Fehlmich, Herr Hofrath, wie geht’s, wie hat das Schläfchen geschmeckt?« »Auch schon am Werk, Herr Kommerzienrath? Wie steht’s? Am wie vielten Gläschen sind sie denn schon?« »»Halb ist das dritte verdaut.«« »Ah, wen seh’ ich? Herr Je! Mein Vetter, der Herr Kameralver- walter aus Bopfingen ist’s,« jubelt ein Bempflinger dort, Und der Bempflinger schüttelt des Bopfingers biedere Rechte Und der Bopfinger auch schüttelt des Bempflingers Hand. Und der Bempflinger draus: »Du bist doch das alte fidele Haus noch?« Und Arm in Arm wallen die Vettern dahin. In dem gewichtigen Kreis, mit höchlicher Spannung erwartet, Fehlt – o erhabenes Gestirn! – nur Frau Ministerin noch. Früh am Morgen beginnt das obligate Getrampel, Fünfzehn Minuten genau auf das getrunkene Glas. Suchst du, den Trunk zu vergeh’n, im Forste geschlängelten Irrweg, Suchst in der einsamen Schlucht reizende Wildniß du auf: O, da ist Weg und Steg von ärarischem Gelde gebügelt, Nach der messenden Schnur gähnt der beschnittene Pfad. Schläfrig kehr’ ich zurück, vollbracht ist der lähmende Pflichtgang Und nach dem lieben Kaffee sehnet sich tief das Gemüth. Ist Poesie auch fern, es gibt doch ein breites Behagen, Mit den Philistern umher suche Philister zu sein: Wenn ich im Wasserzopf hintorkelte unter die Linden, Sucht’ ich mit dieser Sentenz mir zu betrösten das Herz. Aber was schießet daher stoßvogelartig? Was ziehet, Mich zu erfassen bereit, drohende Kreise ringsum? Geistlichen Hochmuths voll ein halb irrsinniger Priester Nimmt sich den Ketzer auf’s Korn für sein Bekehrungsgeschütz, Predigt von Bibel und Teufel und demokratischen Rotten Grob auf die Freiheit hin, die er als Narre genießt. Bin ich ihm mühsam entfloh’n und habe gebadet, geschlendert, Endlich zum Mittagsmahl läutet die Glocke – zu spät! Ja, zu spät, denn zu hoch ist der knurrende Hunger gewachsen Und auf den üppigen Schmaus spannt sich verhaltene Gier. Was dir am Morgen die Quelle genützt, verderbt dir am Mittag Mit des Speisengemischs Reizen der würzende Koch. Aber was thut’s, wenn gründlich gestopft der Magen sich blähet? Just dem Fraße zulieb kam ja das städtische Volk. Wie sie vom Tische hinweg nun unter gemüthlichem Gähnen Unter die Linden hinab schleppen den schwellenden Bauch! Zum Kaffee geht’s wieder, es folgt ein zahmer Spaziergang, Dann geht’s wieder zu Tisch, dann von den Tischen in’s Bett. Ringsum aber im Dorf und rings in Bergen und Thälern Zwischen Fabriken umher wohnt ein verkommenes Volk. Müßten die Hungernden nicht das Prasserleben mitanseh’n, Ließ’ ich das Städtergeschlecht gerne dem stumpfen Genuß, Ließe belachend es gern als Beute den saugenden Vampyrn, Welche den Schlemmern auf’s Haupt sandte ein strafender Gott. Denn das Gesind’ umher, der Kellner, die Köchin, der Hausknecht, Badknecht, Diener am Quell, Stubenmagd und Polizei Bücken sich, schwänzeln und wedeln und jede Gebärde heißt: Trinkgeld, Trinkgeld die Hand und der Fuß, Trinkgeld der gierige Blick. Wend’ ich zur Sonne hinauf vom widrigen Bilde die Augen, Wahrlich am Ende sie selbst bettelt um Trinkgeld mich an, Und zum gebührenden Lohn für die Heizung, die sie verabreicht, Ihr in das volle Gesicht schnell’ ich den Zwanz’ger hinauf. Aber das ärmliche Volk, das grün vor Hunger umhersteht, Wenn vom brodelnden Herd wirbeln die Düfte empor! Blöd und stier und grinsend, verzwergt, verbogen vom Elend Sieht es mit Tantalus’ Qual Schüssel an Schüssel gereiht. Selbst die Pfade umher, die heimischen, soll es nicht wandeln: Fort! Monopol ist der Park, ist für die Bettler nicht da! – Hab’ ich darum die Berge, die ländlichen Hütten, die Quellen, Düfte des Tannenwalds, Lüfte des Himmels gesucht, Daß die verkrümmende Noth und daneben der schwelgende Geldsack Mir erneue den Riß, welcher die Menschheit zerreißt? Daß die Quelle mir fast, die rein entsprudelt dem Erdschoß, Auf dem verbitterten Nerv schmecke wie Schweiß und wie Blut? Gebt mir zur reinen Natur auch Menschen, die noch Natur sind, Gebt zum lebendigen Born Bild der Gesundheit und Kraft! Sehen mag ich das Volk, das ungebrochen und ganz noch, Dem von männlicher Kraft stählern der Muskel sich spannt, Hell das Auge und scharf mit Adlerblicken sich aufschlägt Und auf der Wangen Roth blühende Frische noch lacht, Volk, das pflüget und sät und weidet Rinder und Rosse, Frei von trägem Genuß, frei von bedrängender Noth, Alter Sitte getreu, noch nicht durchbeizt von dem Pesthauch, Den in’s Gebirg einschleppt leckrer Touristen Geschmeiß, Kriegerisch noch, jagdlustig und mit weitschallendem Jodler Gerne den Wiederhall weckend in Thal und Geklüft. War’ ich bei euch, mich sollte die Herrenstube nicht sehen – Gleich in die Laube hinaus, unter die Juppen hinein! Lächelnd streicht sich den Bart und weist auf den Stutzen der Waidmann Und mit prüfendem Blick fragt er mich: möchtet Ihr mit? »Freilich.« – Er holt aus dem Schrank mir eine der blinkenden Waffen, Früh in des Morgens Hauch geht’s in die Berge hinauf. Nicht entrinnt er dem Blei, dem sicher gezielten, der scheue Gemsbock, den wir am Rand gähnender Schrecken erspürt. Klettern wir Abends zu Thal mit der köstlichen Beute beladen, Steht ein Becher, ein Mahl, einfach und kräftig, bereit; Warm vom erquickenden Trunk ergreift die Zither der Bursche, Wirbelnd in nervigem Arm walzen die Dirnen umher – Hellauf, Müller, Halloh! nun gürte dein hurtigstes Maulthier! Fort aus dem Froschpfuhl, fort! Schnell über Hügel und Thal!
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Interpretation
Das Gedicht "An eine Quelle" von Friedrich Theodor Vischer ist eine Kritik an der modernen Gesellschaft und ihrer Auswirkungen auf die Natur und den Menschen. Der Dichter beschreibt eine Quelle, die einst für das leidende Menschengeschlecht eine wunderbare Erquickung war, aber nun von den Herren vom Amte für zinstragende Pacht in Riegel und Schloss gelegt wurde. Die Quelle darf nur zweimal am Tag für zwei Stunden fließen, und das üppige Volk der Stadt kann nur dann ihren silbernen Quell genießen. Der Dichter kritisiert die Gier und den Konsum der Stadt, die die Natur ausbeuten und sich selbst schaden. Der Dichter beschreibt auch das Leben in der Stadt, das er als langweilig und oberflächlich empfindet. Er kritisiert das starre Beamtentum, die gichtbrüchigen Pensionäre und das Geldmachervolk, das nur an sich selbst denkt. Er beschreibt auch die Heuchelei und das falsche Getue der Menschen, die sich gegenseitig begrüßen und bewundern, aber in Wirklichkeit nur an sich selbst denken. Der Dichter kritisiert auch die Kirche und ihre Vertreter, die den Menschen predigen, aber selbst nicht an das glauben, was sie predigen. Der Dichter beschreibt auch das Leben der Armen und Ausgebeuteten, die in den Fabriken arbeiten und in den Bergen und Tälern wohnen. Er kritisiert die Ungerechtigkeit und die Ausbeutung, die in der modernen Gesellschaft herrschen. Er beschreibt auch die Menschen, die noch Natur sind und ein einfaches Leben führen, frei von trägem Genuss und bedrängender Not. Der Dichter bewundert diese Menschen und wünscht sich, dass er bei ihnen sein könnte, um ihre einfache Lebensweise zu genießen. Er beschreibt auch das Leben in den Bergen, wo die Menschen noch frei und unabhängig sind und die Natur genießen können. Der Dichter kritisiert auch die Touristen, die in die Berge kommen und die Natur und die Menschen verderben. Er wünscht sich, dass er bei den Menschen in den Bergen sein könnte, um ihr einfaches Leben zu genießen und ihre Natur zu bewundern.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit des Speisengemischs Reizen der würzige Koch
- Anapher
- Fehlmich, Herr Oberjustiz und Fehlmich, Herr Legationsrath! Fehlmich, Herr Hofrath, wie geht's, wie hat das Schläfchen geschmeckt?
- Hyperbel
- Fort aus dem Froschpfuhl, fort! Schnell über Hügel und Thal!
- Personifikation
- mit weitschallendem Jodler Gerne den Wiederhall weckend in Thal und Geklüft
- Vergleich
- blöd und stier und grinsend, verzwergt, verbogen vom Elend