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An eine Malabaresin

Von

So fein sind Hand und Fuss, so weich der Hüften Biegen,
Europens Schönste müsst′ im Wettstreit dir erliegen;
Des Künstlers Blick voll Lust den holden Körper schaut
Und deiner Augen Samt, der schwärzer als die Haut.
Da, wo dein Gott dich schuf in heissen, blauen Gründen,
Ist deine einzige Pflicht, des Herren Pfeife zünden.
Mit Wasser duftend frisch füllst du für ihn den Krug
Und wehrst von seinem Bett der giftigen Mücken Flug.
Und wenn im Morgenwind leis singen die Platanen,
Kaufst du dir Ananas und saftige Bananen.
Auf nacktem Fuss läufst du, wohin dein Herz dich zieht,
Und trällerst vor dich hin ein altes, fremdes Lied.
Und senkt der Abend dann des Scharlachmantels Schatten,
Streckst du die Glieder sanft auf den geflochtenen Matten,
Und Träume flattern auf, den bunten Vögeln gleich,
Beschwingt und zart wie du, wie du an Anmut reich.
Was zieht dich, glücklich Kind, nach unsrem fernen Lande,
Von Menschen übervoll und voll von Leid und Schande,
Dass du dich anvertraust den Schiffern und den Winden
Und heissen Abschied nimmst von deinen Tamarinden?
Du, halbbekleidet nur mit zartem Musselin,
Wenn dich der Hagel trifft, Schneestürme dich umziehn,
Wie wirst du weinen um die Tage, die verrannen,
Wie wird der Schnürleib dir die Hüften roh umspannen!
Und wenn du müde ziehst durch unsren Schlamm und Kot,
Den seltsam fremden Reiz verkaufst ums Abendbrot,
Dann wird dein Auge starr durch trübe Nebel träumen,
Dann siehst du fern und wirr Schatten von Kokosbäumen.

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Gedicht: An eine Malabaresin von Charles-Pierre Baudelaire

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An eine Malabaresin“ von Charles-Pierre Baudelaire ist eine melancholische Reflexion über die kulturelle Begegnung und die zerstörerische Kraft der westlichen Zivilisation. Es beginnt mit einer erotischen Beschreibung der physischen Schönheit der indischen Frau, die durch Metaphern wie „feine Hand und Fuss“ und „schwarzer als die Haut“ hervorgehoben wird. Diese ersten Strophen zeichnen ein idyllisches Bild ihres Lebens in ihrer Heimat, in der sie scheinbar frei und ungezwungen ihren Alltag verbringt. Diese Darstellung dient als Kontrast zur tristen Realität, die sie im Westen erwartet.

Die zweite Hälfte des Gedichts wendet sich einer düsteren Vorhersage zu. Baudelaire stellt die Frage nach dem Grund für ihre Reise nach Europa und malt ein Bild von Enttäuschung und Leid. Er beschreibt die harten Lebensbedingungen, die auf sie warten, einschließlich Kälte, Armut und sozialer Ausgrenzung. Die metaphorische Beschreibung des „Schlamms und Kots“ und die Erwähnung des „Abendbrotes“ als Bezahlung für ihre Arbeit verdeutlichen die kommerzielle und ausbeuterische Natur der Beziehung, die sie mit der westlichen Welt eingeht.

Die Zerstörung des ursprünglichen Glücks und der Unschuld der Frau wird durch das Bild des „Schnürleibs“, der ihre Hüften „roh umspannt“, symbolisiert. Dieser Hinweis auf die einengenden Konventionen und die materielle Beschränkung des westlichen Lebens steht im krassen Gegensatz zur Freiheit und Sinnlichkeit, die in den ersten Strophen angedeutet wurden. Das Gedicht endet mit einer Vision der Sehnsucht nach der Heimat und der schmerzhaften Erinnerung an die verlorene Idylle. Die „Schatten von Kokosbäumen“ im trüben Nebel sind ein eindringliches Bild der Entfremdung und des Verlustes.

Baudelaires Gedicht ist also weit mehr als nur eine erotische Beschreibung. Es ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema des Kolonialismus und der kulturellen Begegnung. Durch die Gegenüberstellung der Lebenswelten und die melancholische Vorhersage des Scheiterns kritisiert der Dichter die westliche Gesellschaft und die zerstörerischen Auswirkungen des Fortschritts auf die Unschuld und die kulturelle Identität. Es ist ein Aufruf zur Empathie und ein Weckruf vor der Verlockung und dem Leid, die mit dem „exotischen“ Versprechen einhergehen.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.