An eine Malabaresin
1925So fein sind Hand und Fuss, so weich der Hüften Biegen, Europens Schönste müsst′ im Wettstreit dir erliegen; Des Künstlers Blick voll Lust den holden Körper schaut Und deiner Augen Samt, der schwärzer als die Haut. Da, wo dein Gott dich schuf in heissen, blauen Gründen, Ist deine einzige Pflicht, des Herren Pfeife zünden. Mit Wasser duftend frisch füllst du für ihn den Krug Und wehrst von seinem Bett der giftigen Mücken Flug. Und wenn im Morgenwind leis singen die Platanen, Kaufst du dir Ananas und saftige Bananen. Auf nacktem Fuss läufst du, wohin dein Herz dich zieht, Und trällerst vor dich hin ein altes, fremdes Lied. Und senkt der Abend dann des Scharlachmantels Schatten, Streckst du die Glieder sanft auf den geflochtenen Matten, Und Träume flattern auf, den bunten Vögeln gleich, Beschwingt und zart wie du, wie du an Anmut reich. Was zieht dich, glücklich Kind, nach unsrem fernen Lande, Von Menschen übervoll und voll von Leid und Schande, Dass du dich anvertraust den Schiffern und den Winden Und heissen Abschied nimmst von deinen Tamarinden? Du, halbbekleidet nur mit zartem Musselin, Wenn dich der Hagel trifft, Schneestürme dich umziehn, Wie wirst du weinen um die Tage, die verrannen, Wie wird der Schnürleib dir die Hüften roh umspannen! Und wenn du müde ziehst durch unsren Schlamm und Kot, Den seltsam fremden Reiz verkaufst ums Abendbrot, Dann wird dein Auge starr durch trübe Nebel träumen, Dann siehst du fern und wirr Schatten von Kokosbäumen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "An eine Malabaresin" von Charles-Pierre Baudelaire ist eine Ode an die Schönheit und Anmut einer Frau aus Malabar, einer Region an der Südwestküste Indiens. Baudelaire preist ihre körperliche Schönheit, die er als überlegen gegenüber der europäischen Schönheit empfindet, und beschreibt ihren Lebensstil in ihrer Heimat. Er malt ein idyllisches Bild von ihrem Leben, das von einfachen Freuden und einer engen Verbindung zur Natur geprägt ist. Das Gedicht nimmt jedoch eine Wendung, als Baudelaire die Frage aufwirft, warum die Malabaresin ihr Heimatland verlassen und in ein fremdes Land ziehen möchte. Er beschreibt die Schwierigkeiten und Entbehrungen, die sie in einem fremden Land erwarten könnten, und stellt sich vor, wie sie ihre Heimat und die einfachen Freuden, die sie dort hatte, vermissen könnte. Er malt ein düsteres Bild von ihrem Leben in Europa, in dem sie ihre Schönheit verkaufen muss, um zu überleben, und in dem sie von Träumen ihrer Heimat geplagt wird. Insgesamt ist das Gedicht eine Mischung aus Bewunderung für die Schönheit und Anmut der Malabaresin und einer Warnung vor den möglichen Schwierigkeiten und Entbehrungen, die sie in einem fremden Land erwarten könnten. Es ist ein Beispiel für Baudelaires Interesse an exotischen Kulturen und seine Fähigkeit, lebendige und emotionale Bilder in seinen Gedichten zu schaffen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit Wasser duftend frisch füllst du für ihn den Krug
- Bildsprache
- Und wenn du müde ziehst durch unsren Schlamm und Kot
- Hyperbel
- Des Künstlers Blick voll Lust den holden Körper schaut
- Kontrast
- Wie wird der Schnürleib dir die Hüften roh umspannen
- Metapher
- Europens Schönste müsst′ im Wettstreit dir erliegen
- Personifikation
- Deiner Augen Samt, der schwärzer als die Haut
- Symbolik
- Von Menschen übervoll und voll von Leid und Schande
- Vergleich
- Beschwingt und zart wie du, wie du an Anmut reich