An eine Lieblingsbuche meines Gartens

Eduard Mörike

1838

Holdeste Dryas, halte mir still! es schmerzet nur wenig:  Mit wollüstigem Reiz schließt sich die Wunde geschwind.Eines Dichters Namen zu tragen bist du gewürdigt,  Keinen Lieberen hat Wiese noch Wald mir genannt.Sei du künftig von allen deinen Geschwistern die erste,  Welche der kommende Lenz wecket und reichlich belaubt!Und ein liebendes Mädchen, von deinem Dunkel umduftet,  Sehe den Namen, der, halb nur verborgen, ihr winkt.Leise drückt sie, gedankenvoll, die Lippen auf diese  Lettern, es dringet ihr Kuß dir an das innerste Mark.Wehe der Hand, die dich zu schädigen waget! Ihr glücke  Nimmer, in Feld und Haus, nimmer ein friedliches Werk!

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Illustration zu An eine Lieblingsbuche meines Gartens

Interpretation

Das Gedicht "An eine Lieblingsbuche meines Gartens" von Eduard Mörike handelt von einer besonderen Buche im Garten des Dichters, die er "Holdeste Dryas" nennt. Der Dichter bittet die Buche, still zu halten, da die Wunde, die ihm zugefügt wurde, nur wenig schmerzt und sich schnell mit wollüstigem Reiz schließt. Er drückt seine Bewunderung für die Buche aus, indem er sagt, dass sie würdig ist, den Namen eines Dichters zu tragen, und dass kein anderer Baum im Wald oder auf der Wiese einen lieberen Namen für ihn hat. In den folgenden Zeilen wünscht der Dichter der Buche, dass sie in Zukunft die erste unter ihren Geschwistern sein möge, die im kommenden Frühling erwacht und reichlich belaubt ist. Er malt sich aus, wie ein liebendes Mädchen von dem Duft des Baumes umgeben ist und den Namen des Dichters, der nur halb verborgen ist, erkennt. Das Mädchen drückt sanft und nachdenklich seine Lippen auf die Buchstaben des Namens, und sein Kuss dringt bis ins innerste Mark der Buche vor. Der Dichter schließt das Gedicht mit einem Fluch gegen jeden, der es wagt, die Buche zu beschädigen. Er wünscht, dass dieser Person nie wieder ein friedliches Werk auf dem Feld oder im Haus gelingen möge. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit des Dichters zu seinem Baum und eine romantische Vorstellung von der Beziehung zwischen Natur, Kunst und Liebe.

Schlüsselwörter

namen nimmer holdeste dryas halte still schmerzet wenig

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
halte mir
Anrede
Holdeste Dryas, halte mir still!
Apostroph
Holdeste Dryas
Bildsprache
von deinem Dunkel umduftet
Fluch
Wehe der Hand, die dich zu schädigen waget!
Hyperbel
Keinen Lieberen hat Wiese noch Wald mir genannt.
Kontrast
halb nur verborgen
Metapher
Mit wollüstigem Reiz schließt sich die Wunde geschwind.
Personifikation
Welche der kommende Lenz wecket und reichlich belaubt!
Symbolik
ein liebendes Mädchen
Vergleich
es dringet ihr Kuß dir an das innerste Mark
Vokativ
Holdeste Dryas