An eine Jungfraw.
1618Vnd du wirst auch bey meiner Buhlschafft stehen / O Delia / du Bildnuß aller Ziehr: Ich wil auch dich durch meine Verß′ erhöhen; Ich wil dein Lob erweitern für vnd für. Sey nicht erzürnt / Asterie / mein Leben / Weil ich anjetzt so sehr weit von dir bin / Daß ich mich hab′ in andre Huld ergeben / Vnd frembde Gunst mir kommen in den Sinn. Ich habe dich in jhren Augen funden: Dein Angesicht′ und rosenrother Mund / Dein schönes Haar ist so in jhr verbunden / Daß ich sie nicht für dir erkennen kundt′. Ich fandt in jhr was ich bey dir verlassen; Ich fand in jhr dich so gebildet ein / Daß ich vermeyn′ ich könne sie nicht hassen Ich müsse denn auch dir zu wider seyn. O Delia / du Spiegel meiner Frewden / Du Ebenbild der schönsten in der Welt / Vergönne doch daß sich mein′ Augen weiden / Weil deine Ziehr mein Leben in sich helt; Weil jhr Gesicht′ ist so in dich geschrieben / Daß sie jhr selbst nicht ähnlicher seyn kan / Wie wolt′ ich dich / mein′ Augenlust / nicht lieben? Ach nimb mich doch von jhrentwegen an. So wil ich auch mit steten Versen ehren Dein′ hohe Ziehr / vnd edlen Augenschein. So lange man von Liebe nur wird hören / Wird man zügleich′ auch deiner inndenck seyn.
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Interpretation
Das Gedicht "An eine Jungfraw" von Martin Opitz thematisiert die komplexen Gefühle des lyrischen Ichs gegenüber seiner Geliebten Delia und einer anderen Frau namens Asterie. Der Sprecher befindet sich in einem inneren Konflikt, da er sich emotional von Delia entfernt hat und sich einer neuen Liebe zugewandt hat, die ihm jedoch auffällig ähnlich ist. Diese neue Liebe, Asterie, trägt die Züge Delias in sich, was den Sprecher in eine moralische Zwickmühle bringt. Er rechtfertigt seine neue Leidenschaft damit, dass Asterie Delia so sehr ähnelt, dass er sie nicht hassen kann, ohne Delia selbst zu verletzen. Diese Verflechtung der beiden Frauen in seinem Herzen macht seine Treue zu Delia zu einem Paradoxon. Das lyrische Ich ringt mit Schuldgefühlen und der Angst, Delia zu verletzen, versucht aber gleichzeitig, seine neue Liebe zu legitimieren. Er betont, dass er Asterie nicht aus freiem Willen gewählt hat, sondern weil sie die Schönheit Delias in sich trägt. Dieses Argument dient als Rechtfertigung für sein Verhalten und zeigt die tiefe Verehrung, die er Delia entgegenbringt. Gleichzeitig gesteht er ein, dass er sich in Asterie getäuscht hat, da sie ihm nur wie ein Spiegelbild Delias erschien. Diese Erkenntnis führt zu einer Art Selbstvorwurf, da er sich von einer Illusion hat leiten lassen. Das Gedicht endet mit einem Appell an Delia, die als Inbegriff der Schönheit und als Spiegel seiner Freude beschrieben wird. Das lyrische Ich bittet sie um Vergebung und verspricht, ihre Schönheit durch seine Verse zu ehren. Er möchte, dass Delia seine Augen erfreut und sein Leben erhält, da ihre Anwesenheit für ihn unersetzlich ist. Das Versprechen, ihre "hohe Ziehr" und ihren "edlen Augenschein" durch stete Verse zu ehren, unterstreicht die tiefe Bewunderung und die ewige Liebe, die er für Delia empfindet. Das Gedicht schließt mit der Hoffnung, dass solange von Liebe die Rede sein wird, auch an Delia gedacht werden wird, was ihre zeitlose Bedeutung für den Sprecher betont.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Ich wil auch dich durch meine Verß′ erhöhen; / Ich wil dein Lob erweitern für vnd für
- Apostrophe
- O Delia / du Bildnuß aller Ziehr
- Hyperbel
- Dein Angesicht′ und rosenrother Mund
- Metapher
- O Delia / du Spiegel meiner Frewden
- Personifikation
- Weil deine Ziehr mein Leben in sich helt
- Vergleich
- Daß sie jhr selbst nicht ähnlicher seyn kan