An die Weltverbesserer
1844Pochest du an - poch nicht zu laut, Eh′ du geprüft des Nachhalls Dauer! Drückst du die Hand - drück nicht zu traut! Eh du gefragt des Herzens Schauer! Wirfst du den Stein - bedenke wohl, Wie weit ihn deine Hand wird treiben! Oft schreckt ein Echo, dumpf und hohl, Reicht goldne Hand dir den Obol, Oft trifft ein Wurf des Nachbars Scheiben.
Höhlen gibt es am Meeresstrand, Gewalt′ge Stalaktitendome, Wo bläulich zuckt der Fackeln Brand, Und Kähne gleiten wie Phantome. Das Ruder schläft, der Schiffer legt Die Hand dir angstvoll auf die Lippe, Ein Räuspern nur, ein Fuß geregt, Und donnernd überm Haupte schlägt Zusammen dir die Riesenklippe.
Und Hände gibt′s im Orient, Wie Schwäne weiß, mit blauen Malen, In denen zwiefach Feuer brennt, Als gelt′ es Liebesglut zu zahlen; Ein leichter Tau hat sie genäßt, Ein leises Zittern sie umflogen, Sie fassen krampfhaft, drücken fest - Hinweg, hinweg! du hast die Pest In deine Poren eingesogen!
Auch hat ein Dämon einst gesandt Den gift′gen Pfeil zum Himmelsbogen; Dort rührt ihn eines Gottes Hand, Nun starrt er in den Ätherwogen. Und läßt der Zauber nach, dann wird Er niederprallen mit Geschmetter, Daß das Gebirg′ in Scherben klirrt, Und durch der Erde Adern irrt Fortan das Gift der Höllengötter.
Drum poche sacht - du weißt es nicht, Was dir mag überm Haupte schwanken. Drum drücke sacht - der Augen Licht Wohl siehst du, doch nicht der Gedanken. Wirf nicht den Stein zu jener Höh′ Wo dir gestaltlos Form und Wege, Und schnelltest du ihn einmal je, So fall′ auf deine Knie und fleh′, Daß ihn ein Gott berühren möge.
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Interpretation
Das Gedicht "An die Weltverbesserer" von Annette von Droste-Hülshoff warnt vor den unbeabsichtigten Folgen gut gemeinter Handlungen. Die Dichterin mahnt zur Vorsicht und Besonnenheit im Umgang mit anderen und der Welt, da die Auswirkungen des eigenen Tuns oft nicht absehbar sind. Die erste Strophe verdeutlicht dies anhand von Metaphern: Wer an eine Tür klopft, sollte nicht zu laut klopfen, bevor er den Nachhall prüft. Wer jemandem die Hand drückt, sollte nicht zu fest drücken, bevor er das Herz des anderen kennengelernt hat. Und wer einen Stein wirft, sollte sich bewusst sein, wie weit dieser fliegen wird. Die folgenden Strophen illustrieren die Warnungen anhand von Naturbildern. In einer Meereshöhle kann schon ein leises Geräusch eine tonnenschwere Felsklippe zum Einsturz bringen. Im Orient kann ein Händedruck mit einer ansteckenden Krankheit verbunden sein. Und ein vergifteter Pfeil, der in den Himmel geschossen wurde, kann bei seinem Fall die Erde verwüsten. Abschließend appelliert die Dichterin an die "Weltverbesserer", vorsichtig und demütig zu sein. Sie sollen nicht zu laut klopfen, nicht zu fest drücken und keine Steine zu hoch werfen, da sie nicht wissen, was ihnen über dem Kopf schwankt. Die Augen mögen das Licht sehen, aber nicht die Gedanken der anderen. Und nur ein Gott kann einen Stein aufhalten, der einmal geworfen wurde.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Drum poche sacht - du weißt es nicht, Was dir mag überm Haupte schwanken. Drum drücke sacht - der Augen Licht Wohl siehst du, doch nicht der Gedanken. Wirf nicht den Stein zu jener Höh'
- Bildsprache
- Wo dir gestaltlos Form und Wege, Und schnelltest du ihn einmal je, So fall' auf deine Knie und fleh', Daß ihn ein Gott berühren möge
- Hyperbel
- Und donnernd überm Haupte schlägt Zusammen dir die Riesenklippe
- Metapher
- daß das Gebirg' in Scherben klirrt, Und durch der Erde Adern irrt Fortan das Gift der Höllengötter
- Personifikation
- Das Ruder schläft, der Schiffer legt Die Hand dir angstvoll auf die Lippe
- Symbolik
- Hände gibt's im Orient, Wie Schwäne weiß, mit blauen Malen, In denen zwiefach Feuer brennt, Als gelt's Liebesglut zu zahlen
- Vergleich
- Kähne gleiten wie Phantome