An die Trocknen

Friedrich Theodor Vischer

1807

Wenn ich zum Schöppchen geh’ am Abend, Von Arbeit müde und erhitzt, O, wie ist mir der Anblick labend, Wenn Euereins am Tische sitzt!

Da werd’ ich ein Gespräch genießen, Fern von der Leidenschaften Gluth, Gespräch das nur gemächlich fließen, Ja nur so anetröpfeln thut.

Von Reben und von Hopfenblüthe Fällt etwan ein zufriednes Wort, Vom Ferndigen und seiner Güte, Von Bier und Tobak und sofort.

Der breite Herr im Mittelsitze: Seht ihn, wie er gemüthlich schmaucht, Mitunter die Cigarrenspitze Besieht, wie weit sie angeraucht!

Wie ruht der Nerv in diesem Frieden Vom Drangsal, das gehäuft und kraus Der anspruchvolle Tag beschieden, In sanftem Wiegenschlummer aus!

Dort seh’ ich Einen auf der Lauer, Mit Sperberaugen blickt er her, Von Goethe, Wagner, Schopenhauer Wünscht er zu sprechen inhaltschwer.

Ideen soll ich mit ihm tauschen Im Lärm am Wirthstisch, Abends spät, Soll seiner dünnen Stimme lauschen, Wenn ringsum Alles kreischt und kräht.

Bleibt mir vom Leib, ihr Geistesschnapper, Die ihr kein still Betrachten kennt, Mit Feuerreiterhufgeklapper Nach Zielen immer hetzt und rennt!

Ihr seid wahrhaftig noch im Stande, – Was einfach ist, fühlt ihr ja nie – Daß ihr dieß Lied auf’s nicht Prägnante Interpretirt als Ironie.

O, aber den, der fein verstohlen Mich anblinzt und es so versteht, Den soll doch gleich der Teufel holen, Daß ihm das Schmunzeln hübsch vergeht!

Doch euch, ihr lieben trocknen Schweiger, Euch wünsch’ ich herzlich gute Ruh’; Leis führe euch der Stundenzeiger Des Himmels tiefer Stille zu!

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Illustration zu An die Trocknen

Interpretation

Das Gedicht "An die Trocknen" von Friedrich Theodor Vischer thematisiert die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einem ruhigen, gemächlichen Abend im Gasthaus nach einem anstrengenden Arbeitstag. Das Ich wünscht sich ein einfaches, zufriedenes Gespräch mit den "trocknen Schweigern", die das Leben in Ruhe genießen und sich nicht in intellektuellen Debatten verlieren. Diese Menschen, die das einfache Dasein zu schätzen wissen, sind dem Ich sympathisch. Im Gegensatz dazu stehen die "Geistesschnapper", die ständig auf der Suche nach tiefgründigen Ideen und Gesprächen sind. Sie hetzen von einem intellektuellen Ziel zum nächsten und können das einfache, unprätentiöse Leben nicht wertschätzen. Das lyrische Ich distanziert sich von diesen Menschen und wünscht sich, dass sie ihm von Leib bleiben. Das Gedicht endet mit einem Wunsch an die "lieben trocknen Schweiger", dass sie in Ruhe und Stille die Zeit genießen mögen. Das Ich schätzt die Fähigkeit, einfach zu sein und das Leben ohne ständige intellektuelle Anstrengung zu genießen. Die "trocknen Schweiger" verkörpern für das lyrische Ich die idealen Begleiter für einen entspannten Abend.

Schlüsselwörter

soll gespräch schöppchen geh abend arbeit müde erhitzt

Wortwolke

Wortwolke zu An die Trocknen

Stilmittel

Anspielung
Von Goethe, Wagner, Schopenhauer
Bildsprache
Mit Sperberaugen blickt er her
Direkte Anrede
Bleibt mir vom Leib, ihr Geistesschnapper
Hyperbel
Mit Feuerreiterhufgeklapper
Ironie
Daß ihr dieß Lied auf's nicht Prägnante / Interpretirt als Ironie
Kontrast
Fern von der Leidenschaften Gluth / Gespräch das nur gemächlich fließen
Metapher
Von Reben und von Hopfenblüthe / Fällt etwan ein zufriednes Wort
Personifikation
Von Arbeit müde und erhitzt
Symbolik
Leis führe euch der Stundenzeiger / Des Himmels tiefer Stille zu
Vergleich
Wie ruht der Nerv in diesem Frieden / Vom Drangsal, das gehäuft und kraus
Wunschform
Euch wünsch' ich herzlich gute Ruh'