Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , ,

An die Trocknen

Von

Wenn ich zum Schöppchen geh‘ am Abend,
Von Arbeit müde und erhitzt,
O, wie ist mir der Anblick labend,
Wenn Euereins am Tische sitzt!

Da werd‘ ich ein Gespräch genießen,
Fern von der Leidenschaften Gluth,
Gespräch das nur gemächlich fließen,
Ja nur so anetröpfeln thut.

Von Reben und von Hopfenblüthe
Fällt etwan ein zufriednes Wort,
Vom Ferndigen und seiner Güte,
Von Bier und Tobak und sofort.

Der breite Herr im Mittelsitze:
Seht ihn, wie er gemüthlich schmaucht,
Mitunter die Cigarrenspitze
Besieht, wie weit sie angeraucht!

Wie ruht der Nerv in diesem Frieden
Vom Drangsal, das gehäuft und kraus
Der anspruchvolle Tag beschieden,
In sanftem Wiegenschlummer aus!

Dort seh‘ ich Einen auf der Lauer,
Mit Sperberaugen blickt er her,
Von Goethe, Wagner, Schopenhauer
Wünscht er zu sprechen inhaltschwer.

Ideen soll ich mit ihm tauschen
Im Lärm am Wirthstisch, Abends spät,
Soll seiner dünnen Stimme lauschen,
Wenn ringsum Alles kreischt und kräht.

Bleibt mir vom Leib, ihr Geistesschnapper,
Die ihr kein still Betrachten kennt,
Mit Feuerreiterhufgeklapper
Nach Zielen immer hetzt und rennt!

Ihr seid wahrhaftig noch im Stande,
– Was einfach ist, fühlt ihr ja nie –
Daß ihr dieß Lied auf’s nicht Prägnante
Interpretirt als Ironie.

O, aber den, der fein verstohlen
Mich anblinzt und es so versteht,
Den soll doch gleich der Teufel holen,
Daß ihm das Schmunzeln hübsch vergeht!

Doch euch, ihr lieben trocknen Schweiger,
Euch wünsch‘ ich herzlich gute Ruh‘;
Leis führe euch der Stundenzeiger
Des Himmels tiefer Stille zu!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: An die Trocknen von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An die Trocknen“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine satirische Auseinandersetzung mit verschiedenen Arten von Menschen, die sich in einem Wirtshaus treffen. Es handelt von der Sehnsucht nach Ruhe und Beschaulichkeit im Gegensatz zu dem Wunsch nach intellektuellem Austausch und leidenschaftlicher Diskussion. Vischer teilt die Menschen in zwei Gruppen: die „Trockenen“, die die Stille und Gemütlichkeit bevorzugen, und die „Geistesschnapper“, die nach intellektueller Auseinandersetzung streben.

Die ersten Strophen preisen die „Trockenen“, die im Wirtshaus sitzen und die Ruhe genießen. Der Sprecher bewundert ihre Fähigkeit, sich von der Hektik des Alltags zu distanzieren und in einem Zustand der Zufriedenheit zu verweilen, der durch Bier, Tabak und unaufgeregte Gespräche geprägt ist. Die Beschreibung des „breiten Herrn“ unterstreicht diese Behaglichkeit und die Abwesenheit von Stress, die Vischer in dieser Gruppe findet. Der Fokus liegt auf der Ruhe, dem Genuss und der Abwesenheit von Leidenschaft.

Im Gegensatz dazu werden die „Geistesschnapper“ kritisiert. Der Sprecher ironisiert ihren Wunsch nach intellektueller Auseinandersetzung, nach Gesprächen über Goethe, Wagner und Schopenhauer. Er stellt fest, dass er im Lärm eines Wirtshauses keine tiefgründigen Ideen austauschen möchte, und kritisiert die „Geistesschnapper“ für ihr unermüdliches Streben nach intellektueller Erregung. Die Verwendung von Begriffen wie „Feuerreiterhufgeklapper“ betont die rastlose und ungestüme Natur dieser Gruppe.

Die letzten Strophen enthalten eine deutliche Zuspitzung. Vischer wünscht den „Trockenen“ Ruhe und Frieden, während er diejenigen verdammt, die das Gedicht als bloße Ironie interpretieren. Dies zeigt die tiefe Überzeugung des Autors von der Bedeutung von Ruhe und Besinnlichkeit. Die letzte Strophe, in der er wünscht, dass die „Trockenen“ in die Stille des Himmels eintreten, verdeutlicht die tiefe Sehnsucht nach innerem Frieden, die in diesem Gedicht zum Ausdruck kommt. Das Gedicht ist somit eine Hommage an die stille Kontemplation und eine Kritik an der unaufhörlichen Suche nach intellektueller Stimulation.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.