An die Tauben

Max von Schenkendorf

1783

Im Spätjahr 1815 aus Koblenz.

Fliegt nur aus, geliebte Tauben! Euch als Boten send′ ich hin; Sagt ihr, und sie wird euch glauben, Daß ich krank vor Liebe bin.

Ihr könnt fliegen, ihr könnt eilen, Tauben, froh bergab und an; Ich muß in der Fremde weilen, Ewig ein gequälter Mann.

Auch mein Brieflein soll noch gehen Heut zu ihr, mein Liebesgruß, Soll sie suchen auf den Höhen, An dem schönen grünen Fluß.

Wird sie von den Bergen steigen Endlich in das Niederland? Wird sich mir die Sonne zeigen, Die zu lange schon verschwand?

Vögel, Briefe, Liebesboten, Lied und Seufzer, sagt ihr′s hell: Suche ihn im Reich der Todten, Liebchen, oder komme schnell!

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Illustration zu An die Tauben

Interpretation

Das Gedicht "An die Tauben" von Max von Schenkendorf, entstanden im Spätjahr 1815 aus Koblenz, thematisiert die Sehnsucht und die Verzweiflung eines Liebenden, der in der Ferne von seiner Angebeteten getrennt ist. Der Sprecher bittet die Tauben, als Boten zu ihr zu fliegen und ihr seine kranke Liebe zu überbringen. Er betont die Freiheit und Schnelligkeit der Tauben im Gegensatz zu seiner eigenen Gefangenschaft in der Fremde, wo er ewig ein gequälter Mann bleiben muss. Der Sprecher hofft, dass sein Brief und seine Liebesbotschaft sie erreichen werden, und sehnt sich danach, dass sie von den Bergen herab in das Niederland steigt, um ihn wiederzusehen. Die Sonne, die zu lange verschwunden war, symbolisiert die Hoffnung auf ein Wiedersehen und das Ende seiner Qualen. Die Tauben, Vögel, Briefe und Liebesboten werden aufgefordert, ihr zu sagen, dass sie ihn entweder im Reich der Toten suchen oder schnell zu ihm kommen soll. Das Gedicht vermittelt eine tiefe emotionale Intensität und drückt die Verzweiflung und die unerfüllte Sehnsucht des Sprechers aus. Die Verwendung von Naturbildern wie den Tauben, den Bergen und dem Fluss schafft eine romantische Atmosphäre und unterstreicht die emotionale Tragweite des Gedichts.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Flieht nur aus, geliebte Tauben! Euch als Boten send' ich hin; Sagt ihr, und sie wird euch glauben, Daß ich krank vor Liebe bin.
Hyperbel
Ich muß in der Fremde weilen, Ewig ein gequälter Mann.
Metapher
Auch mein Brieflein soll noch gehen Heut zu ihr, mein Liebesgruß, Soll sie suchen auf den Höhen, An dem schönen grünen Fluß.
Personifikation
Ihr könnt fliegen, ihr könnt eilen, Tauben, froh bergab und an;
Rhetorische Frage
Wird sie von den Bergen steigen Endlich in das Niederland? Wird sich mir die Sonne zeigen, Die zu lange schon verschwand?
Symbolik
Vögel, Briefe, Liebesboten, Lied und Seufzer, sagt ihr's hell: Suche ihn im Reich der Todten, Liebchen, oder komme schnell!