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An die Supranaturalisten in der Kunst, Fiesolaner, Nazarener, die vom strengen Stil u.s.w.

Von

1.

Meinet ihr wohl, weil der Heiland der Welt an der Krippe geboren,
Sei auch ein Eselsstall eben genug für die Kunst?

2.

Arme Bethlehemiten, es kommt der krit′sche Herodes,
Weh′ euern Kindern, es bringt hier nur das Aechte sich durch.

3.

Viele lieben das Dunkel und haben so gänzlich nicht Unrecht,
Denn die Schwachheit thut wohl, wenn sie ins Dunkel sich hüllt.
Spärlich brennt euch die Lampe der Kunst, und Fiesole wird nur
Still andächtig von euch tief in der Dämm′rung verehrt.
Aber sagt mir, ihr Herrn, betrachtet man Bilder im Dunkel,
Oder blendet euch gar Raffaels Sonne den Blick?

4.

In den rauhen Gebirgen, die hoch zum Himmel sich thürmen,
Die zuerst und zuletzt, Sonne, dein Angesicht schau′n,
Trifft man des Goldes genug; sie sind nicht jedem besteigbar,
Dem ist der Athem zu lang, jenem die Brust zu gepreßt.
Ströme rollen von ihnen aus unerschöpflichem Urquell,
Mancher hat schon daraus für sein Bedürfnis geschöpft.
Ihnen vergleich′ ich Angelo′s Geist und Angelo′s Werke,
Ob mich einer versteht, ob mich die Liebe nicht täuscht,
Doch im Flachen findet man nichts als schmächtige Bäumlein.
Findet man Gräslein und Staub, Würmer und Heilige nur.

5.

Fragt die Geschichte, sie lehrt: mit Angelo′s jüngstem Gerichte
Rief die Posaune die Kunst selber zum jüngsten Gericht.

6.

O der traurigen Zeit, was gilt die Natur und die Wahrheit,
Was die Kunst, es wird jetzt Alles durch Künstler ersetzt.

7.

Freilich man geht am Apollo vorbei und zucket die Achseln,
Wo der Gott nichts mehr ist, gilt auch die Weisheit nichts mehr.

8.

Schweigt nur vom Pantheon still, das ist ja ein heidnischer Tempel,
Statt des alten Olymp wird nun der neue verehrt.

9.

Steinen prediget man und Tempel werden katholisch –
Und der rächende Mars räumt der Madonna den Platz.

10.

Lug und Trug war Alles, nun ist die Wahrheit erschienen,
Statt dem Mythus regiert jetzt die Legende die Welt.

11.

Gothisch ist eben das Pantheon nicht. Es wußte der Schöpfer
Nichts von gothischer Kunst, da er den Himmel gewölbt.

12.

Ihr erwidert, berechne die Zeit, da Fiesole malte,
Ei das thu′ ich, allein just die gefällt mir nicht ganz.

13.

Ich erwidre, berechnet die Zeit, in der ihr euch reget,
Ewig rollet sie fort, aber ihr bleibet zurück.

14.

Nichts ist vollkommen, Fiesole auch hat seine Gebrechen,
Wählet das Gute mir aus, lasset das Schlechte mir stehn.

15.

Tief ist die Kunst gefallen, entgegnet ihr, einst die Gespielin
Frommen Glaubens – ei nun, wo ist der Glaube denn hin?

16.

Alles zu seiner Zeit, des Cornelius rühmt sich der Nepos,
Aber dem Avus geziemt′s quitt mit Grammatik zu sein.

17.

Göttliches maltet ihr gern? Das Göttliche wohnt im Verstande,
Und ein verstandlos Gemüth nennt man zuweilen auch dumm.

18.

Göttliches maltet ihr gern, es enthüllt sich der Kunst in der Form nur,
Darum wünscht′ ich mir auch göttliche Formen gemalt.

19.

Manierirt und barock ist Angelo′s Moses? Wohl etwa
Weil es euch eben nicht scheint, daß er viel Magro gespeist?

20.

Das sind Bäume, so wie sie uns Pinturichio gemalt hat –
Ja getrocknet sind die, wie in der Bibel gepreßt.

21.

Malet doch sonst nur nichts als alttestamentliche Männer,
Aber vergesset mir nicht, keiner davon war getauft.

22.

Ihr verachtet die gute Natur, und ihr Muster und Vorbild,
Ist es Neid, weil sie euch etwas zu sparsam versehn?

23.

Wie der Esel, ihr kennet ihn wohl, dem muthigen Rosse,
Gleichet dem Menschen die Art Heiliger, wie ihr sie malt.

24.

Gute Kritik ist nöthig, wie Brod, drum tüchtig gesäuert,
Daß uns das Gute noch mehr schmecke, hinweg mit der Spreu.

25.

Aber die gute Kritik passirt ihr leider so wenig,
Als ein Kameel nach des Herrn Wort durch ein Nadelöhr geht.

26.

Stille, ledern ist er, der belveder′sche Apollo!
Ledern? Bleibet doch nur, ärmliche Schuster, beim Leist.

27.

Michel Angelo′s jüngstes Gericht ist ein rohes Gebilde,
Seht mir den Christus nur an, welch ein Charakter ist das?
Ist er nicht wie ein Pizzicarol, Lastträger und Bierwirth?
Welch eine feiste Figur, welche gemeine Natur!
Sieht er nicht aus, als rief er, daß euch die Schwernoth – vielleicht ja,
Daß dich der Henker, o du kleinliches Pinslergeschmeiß!

28.

Was ist gegen Fiesole doch so ein Guido! – Das selbe,
Was wohl der Kerzendampf gegen das Sonnenlicht ist.

29.

Sei er ein Sternchen auch, so ist Guido der Vollmond; ein Sternchen
Ist, wie ihr wißt, uns so fern, daß es im Vollmond erbleicht.

30.

Einmal starb für die Sünden der Welt der Erlöser, o stürb′ er,
Für die Sünden der Kunst endlich doch einmal in ihr.

31.

Höre man doch, was in heutiger Welt man wunderlich plaudert,
Wie nur so paradox, wie so genial man sich stellt!
Fromme Künstler behaupten in Rom: Buonarotti, der Rohe,
Raffael ist′s, der die Kunst schon ins Verderben gestürzt.
O noch haben wir Trost, noch Hoffnung, ihr Herren! So sicher,
Wie sie durch Raffael sank, hebt sie durch euch sich empor.

32.

Die Verklärung ist nichts, noch weniger seine Madonnen,
Frömmigkeit fehlt und der Geist, den nur Fiesole hat.
Raffaels erste Manier ist noch hübsch, ja manchmal vortrefflich,
Da er noch steif, da er noch heilig wie Giotto gemalt.

33.

Still von Homer! Das ist nun vorbei auf immer, die deutschen
Nibelungen sind doch andere Waar′ als Homer.
Was die Menschen dort sind, das sind kaum homerische Götter
Und was die Thiere Homers – scheinet kaum ihr, meine Herrn.

34.

Unter die schönen Künste hat man nach alter Aesthetik
Einst auch die Malerei, wenn ich nicht irre, gesetzt.
Nun ist′s anders! Man kann es nicht mehr mit gutem Gewissen,
Weil man zum Henker ja doch Heil′gengerippe nur malt.

35.

Ist es euch wirklich zu eng, das weite Gebiet der Aesthetik,
Durch eine häßliche Kunst wünschtet ihr noch es vermehrt?

36.

Statt dem einzigen Gott, der ew′gen unendlichen Schönheit,
Habt ihr ägyptischen Dienst, Ochsen und Götzen gewählt.

37.

Lauter Frömmigkeit ist er, und lauter Sanftmuth und Güte,
Und das Christenthum nur hat ihn so menschlich gemacht.
Magro speist er getreu dem Gesetz, und geht in die Messe,
Frommes malt er, dem nur Fra Giovanni gefällt.
Willig duldet sein friedliches Herz, nur aus christlichem Ingrimm
Schlüg′ er uns alle, die wir schlimm von ihm denken, ans Kreuz.

38.

Niemand wär′ ein Urtheil erlaubt, der den Pinsel nicht führet?
Sei′s denn, verdienet ja sonst niemand solch Elend zu sehn.

39.

Täglich predigen, lehren und drohn der Sistina Propheten,
Aber das Volk hört sie nicht, und das Verderben ist da.

40.

Jeder beschimpft ja den andern. Drum, wenn mich einer befraget,
Sage, wen meinst du damit – »Grade denselben, wie du!«

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Gedicht: An die Supranaturalisten in der Kunst, Fiesolaner, Nazarener, die vom strengen Stil u.s.w. von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An die Supranaturalisten in der Kunst, Fiesolaner, Nazarener, die vom strengen Stil u.s.w.“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine bissige und polemische Auseinandersetzung mit den Tendenzen der Kunst seiner Zeit, insbesondere mit den sogenannten Nazarenern und deren Vorliebe für einen strengen, religiös inspirierten Stil. Das Gedicht präsentiert eine klare Ablehnung dieser Kunstrichtung und wirft den Künstlern vor, die Ideale der Kunst zu verraten.

Waiblinger beginnt mit einer provokativen Frage, die die künstlerische Qualität in Frage stellt. Er vergleicht die Nazarener mit den ersten Christen und fragt, ob ein einfacher Stall (die Armut und der Verzicht der Nazarener) als angemessene Umgebung für die Kunst betrachtet werden kann. Der Dichter greift immer wieder die Themen Licht, Dunkelheit und die Wertschätzung der Natur auf, um seine Gegnerschaft zu den Nazarenern auszudrücken. Er prangert die Künstler an, die Dunkelheit und Stumpfheit bevorzugen, und stellt die Frage nach der Qualität ihrer Kunst im Vergleich zur Pracht eines Künstlers wie Raffael. Die Nazarener, die oft in einem „Dunkel“ verehrt wurden, werden in dieser Sichtweise als Mangel an Helligkeit, Inspiration und Talent wahrgenommen.

Das Gedicht ist voll von beißenden und ironischen Bemerkungen über die angeblich mangelnde Kunstfertigkeit der Nazarener. Waiblinger zieht Vergleiche mit Michelangelos Kunst, die er als „rohes Gebilde“ bezeichnet. Er spottet über deren Vorliebe für alttestamentliche Figuren, die er als ungetauft und damit ungeeignet für die christliche Kunst erklärt. Die Verwendung von Ironie und Spott ist ein zentrales Stilmittel, um die Absurdität der neuen Kunstauffassung zu unterstreichen.

Der Dichter betont die Bedeutung von Raffael und der klassischen Kunst, indem er sie als Quelle der Inspiration hervorhebt. Er vergleicht die Nazarener mit einem „Kerzendampf“, der gegen das Sonnenlicht, also Raffael, verblasst. Waiblinger fordert die Künstler auf, zur Natur zurückzukehren und die wahre Schönheit zu suchen. Der Rückgriff auf die klassische Kunst und die Natur dient als Kontrast, um die vermeintliche Beschränktheit und den Mangel an Originalität der Nazarener zu kritisieren. Das Gedicht endet mit einer zynischen Feststellung, die die gegenseitigen Beschuldigungen und die allgemeine Verwirrung in der Kunstszene seiner Zeit widerspiegelt.

Waiblingers Gedicht ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Kunst, die sich an der Schönheit der Natur und an der klassischen Tradition orientiert. Es ist eine Kritik an der Selbstgefälligkeit und dem dogmatischen Ansatz der Nazarener, die ihrer Meinung nach die wahre Essenz der Kunst verfehlt haben. Das Gedicht ist somit ein wichtiges Zeugnis der künstlerischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts und ein Aufruf zur Freiheit und Originalität in der Kunst.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.