An die Stadt Berlin

Karl Wilhelm Ramler

1760

Ich sahe sie! (mir zittern die Gebeine!) Ich sah, bekümmertes Berlin, Die Göttinn deines Stroms vor deinem Tannenhaine Mit ihren Schwänen ziehn!

Vergönne mir, Najade, nachzulallen, Was mein erstauntes Ohr durchdrang, Und was dein Göttermund den Faunen sang, und allen Hamadryaden sang. – –

Sey mir gegrüsst, Augusta, meine Krone! Die Städte Deutschlands bücken sich! Es höre meinen Stolz Belt, Donau, Wolga, Rhone, Und weichen hinter mich!

Was fürchten wir, ist gleich die Zahl des Feindes Wie dieser beiden Ufer Sand? O Tochter! hast du nicht zur Seite meines Freundes Stets einen Gott erkannt?

Stritt Jupiter nicht selbst mit Friedrichs Volke, Und donnerte den Feind zurück? Warf nicht der Kriegesgott einst plötzlich eine Wolke Vor seines Mörders Blick?

Sah ich nicht jüngst, als er vom fernen Süden Den Riesen aus der Mitternacht Sein Heer entgegenriss, (ein kleines Heer von Müden, Bereit zur zehnten Schlacht,)

Wie das Panier, von seiner Hand gefasset, Zur drohenden Aegide ward? Die Feinde sahn den Schild der Pallas, die sie hasset: Und hafteten, erstarrt,

Am Boden; bis sie durch sein Heer zerschlagen, Das unaufhaltsam weiter drang. Wie Halmen von des Himmels Shlossen niederlagen Dreyhundert Hufen lang.

Ja, dinget nur die halbe Welt zusammen, Und raset wider Einen Mann, Und wendet wider ihn Verrath, Nacht, Meyneid, Flammen, Den ganzen Orkus an:

Borussiens gerechter Held soll siegen! Die Götter schützen ihren Sohn. Bald wird er im Triumph zu seinen Kindern fliegen. Er kömmt, ich seh ihn schon!

Er kömmt, das Haupt mit Stralen rund umwunden, Wie Delius Apollo kam, Als er den Python schlug und ihm mit tausend Wunden Die schwarze Seele nahm.

Eilt, ihn in Erz den Enkeln aufzustellen! Eilt, einen Tempel ihm zu weihn Am Rande meines Stroms! ich brenne, seine Schwellen Mit Bluhmen zu bestreun.

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Illustration zu An die Stadt Berlin

Interpretation

Das Gedicht "An die Stadt Berlin" von Karl Wilhelm Ramler ist ein Loblied auf die Stadt Berlin und ihren Schutzpatron, den König Friedrich II. von Preußen. Der Dichter beschreibt, wie er die Göttin des Stroms, die Spree, mit ihren Schwänen vor den Tannenhainen Berlins ziehen sah. Er bittet die Najade, die Göttin des Flusses, ihm zu erlauben, das zu wiederholen, was sein erstauntes Ohr durchdrang und was ihr Göttermund den Faunen und Hamadryaden sang. Das Gedicht preist Berlin als Augusta, die Krone der Städte Deutschlands, und fordert die großen Flüsse der Welt auf, sich zu verneigen und hinter Berlin zurückzutreten. Es erinnert an die Siege Friedrichs II. im Siebenjährigen Krieg und vergleicht ihn mit den Göttern Jupiter und dem Kriegsgott, die ihn beschützten. Der Dichter beschreibt, wie Friedrich II. mit seiner kleinen, müden Armee gegen die feindlichen Truppen kämpfte und siegte, und wie er wie Apollo Delius den Python besiegte. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, eine Statue Friedrichs II. in Bronze für die Nachwelt zu errichten und ihm am Ufer der Spree einen Tempel zu weihen. Der Dichter ist bereit, die Schwelle des Tempels mit Blumen zu bestreuen, um seine Verehrung für den gerechten Helden Borussiens auszudrücken, der von den Göttern beschützt wird und bald im Triumph zu seinen Kindern zurückkehren wird.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Allusion
Stritt Jupiter nicht selbst mit Friedrichs Volke
Anapher
Ich sahe sie! (mir zittern die Gebeine!)
Apostrophe
Sey mir gegrüsst, Augusta, meine Krone!
Hyperbel
Borussiens gerechter Held soll siegen! / Die Götter schützen ihren Sohn.
Metapher
Eilt, einen Tempel ihm zu weihn / Am Rande meines Stroms!
Personifikation
Die Göttinn deines Stroms vor deinem Tannenhaine
Vergleich
Er kömmt, das Haupt mit Stralen rund umwunden, / Wie Delius Apollo kam,