An die Sittlichkeitskonferenz zu Magdeburg

Ludwig Thoma

1894

Seh′ ich euch wieder, hochehrwürd′ge Herren, Nachdem für euch mich etwas einzusperren In herber Strenge suchten fromme Schwaben? — Bis jetzt nur »suchten«, weil sie mich nicht haben.

So hat nun Gott der Herr mich heimgesuchet, Ganz offenbarlich, weil ihr mich verfluchet. Er musste wohl, und war′s nur, um euch Biedern Die vielen Dienste freundlich zu erwidern.

Halläh! und Lujah! singt jetzt, frohe Sieger! Und Bäh! und Muh! geliebte Kinderkrieger! Auch eure Frauen singen um die Wette, Das heißt: die paar, die nicht im Wochenbette.

Ich ehre sie, seitdem Herr Bohn beschrieben, Wie zärtlich sie in stiller Kammer lieben, Und wie ihn selbst so oft die Mannheit zierte. Das heißt: wenn Bohn nicht etwa renommierte.

Und nun verleih′ der Herr euch allen Stärke! Den Nutzen seh′ ich nicht von eurem Werke. Ihr könnt euch jedes Jahr aufs neu′ versammeln, Die Menschen lieben, und die Hasen rammeln.

Und auch ihr Frommen — — ja, was wollt′ ich sagen? — Ihr solltet euch nicht allzusehr beklagen, Halläh! und Lujah! Bäh! und Muh! Die Kälber, Sie kommen auf die Welt nicht ganz von selber.

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Illustration zu An die Sittlichkeitskonferenz zu Magdeburg

Interpretation

Das Gedicht "An die Sittlichkeitskonferenz zu Magdeburg" von Ludwig Thoma ist eine satirische Auseinandersetzung mit der Heuchelei und dem moralischen Rigorismus der Sittlichkeitskonferenz. Thoma kritisiert die Konferenz und ihre Mitglieder für ihren übertriebenen Eifer, die Moral zu wahren, während sie selbst oft moralisch fragwürdig handeln. Im ersten Teil des Gedichts wendet sich Thoma direkt an die Konferenzmitglieder und spottet über ihre Versuche, ihn zu zensieren oder einzusperren. Er deutet an, dass ihre Bemühungen bisher erfolglos waren und dass er nun, nachdem sie ihn verflucht haben, von Gott selbst beschützt wird. Dies ist eine ironische Anspielung darauf, dass ihre moralische Überlegenheit nicht so unantastbar ist, wie sie glauben. Im zweiten Teil des Gedichts verspottet Thoma die Konferenzmitglieder und ihre Familien. Er parodiert ihre religiösen Gesänge und deutet an, dass ihre Frauen nicht so tugendhaft sind, wie sie vorgeben. Er erwähnt auch Herrn Bohn, der angeblich die intimen Beziehungen der Konferenzmitglieder beschrieben hat, was ihre Heuchelei weiter unterstreicht. Im letzten Teil des Gedichts stellt Thoma die Sinnhaftigkeit der Arbeit der Konferenz in Frage. Er deutet an, dass ihre jährlichen Versammlungen keinen wirklichen Nutzen bringen und dass sie selbst nicht so moralisch sind, wie sie behaupten. Er endet mit einer Anspielung darauf, dass auch die "Frommen" nicht so rein sind, wie sie scheinen, und dass selbst die Geburt von Kälbern nicht ohne menschliches Zutun erfolgt.

Schlüsselwörter

herr seh suchten ganz halläh lujah bäh muh

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Menschen lieben, und die Hasen rammeln.
Anspielung
So hat nun Gott der Herr mich heimgesuchet, Ganz offenbarlich, weil ihr mich verfluchet.
Enjambement
Und auch ihr Frommen — — ja, was wollt′ ich sagen? — Ihr solltet euch nicht allzusehr beklagen, Halläh! und Lujah! Bäh! und Muh! Die Kälber, Sie kommen auf die Welt nicht ganz von selber.
Hyperbel
Auch eure Frauen singen um die Wette, Das heißt: die paar, die nicht im Wochenbette.
Ironie
Halläh! und Lujah! singt jetzt, frohe Sieger! Und Bäh! und Muh! geliebte Kinderkrieger!
Metapher
Seh′ ich euch wieder, hochehrwürd′ge Herren, Nachdem für euch mich etwas einzusperren In herber Strenge suchten fromme Schwaben?
Personifikation
Ich ehre sie, seitdem Herr Bohn beschrieben, Wie zärtlich sie in stiller Kammer lieben.
Rhetorische Frage
Den Nutzen seh′ ich nicht von eurem Werke.