An die Parzen
1770Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! Und einen Herbst zu reifem Gesange mir, Daß williger mein Herz, vom süßen Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht; Doch ist mir einst das Heilge, das am Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt! Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel Mich nicht hinab geleitet; Einmal Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
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Interpretation
Das Gedicht "An die Parzen" von Friedrich Hölderlin ist ein tiefgründiges Werk, das die menschliche Existenz und das Streben nach Vollendung thematisiert. Der Sprecher bittet die Parzen, die Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie, um nur einen Sommer und einen Herbst, um sein Herz durch die süße Fülle des Lebens zu sättigen, bevor es stirbt. Dies zeigt den Wunsch nach einem erfüllten Leben, das durch künstlerische Schöpfung und Genuss gekennzeichnet ist. Die zweite Strophe beschäftigt sich mit der Unsterblichkeit der Seele und dem Streben nach einem gelungenen Gedicht. Der Sprecher deutet an, dass die Seele, die im Leben nicht ihr göttliches Recht erhielt, auch im Hades nicht ruhen wird. Doch wenn es ihm gelingt, ein heiliges Gedicht zu schaffen, das ihm am Herzen liegt, wird er die Stille der Schattenwelt willkommen heißen. Dies zeigt die Überzeugung, dass künstlerische Schöpfung einen Weg zur Unsterblichkeit und Erlösung bietet. In der letzten Strophe drückt der Sprecher seine Zufriedenheit aus, auch wenn er nicht mit seinem Saitenspiel in die Unterwelt geleitet wird. Er hat einmal wie die Götter gelebt und mehr braucht er nicht. Dies unterstreicht die Idee, dass ein Leben in künstlerischer und geistiger Fülle ausreicht, um die Sterblichkeit zu überwinden und ein erfülltes Dasein zu führen. Hölderlin vermittelt hier die Überzeugung, dass die Kraft der Poesie und der menschlichen Seele die Grenzen des irdischen Lebens transzendieren kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Saitenspiel Mich nicht
- Hyperbel
- Einmal Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht
- Kontrast
- Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! / Und einen Herbst zu reifem Gesange mir
- Metapher
- Das Heilge, das am Herzen mir liegt, das Gedicht
- Personifikation
- Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel Mich nicht hinab geleitet