An die oberen Zehntausend

Oskar Jerschke

1885

O kehrtet einmal ihr aus den Palästen Im dunstigen Dunkel enger Gassen ein! O kehrtet einmal ihr von euren Festen Ins vierte Stockwerk, wo beim Öllichtschein Blutarme Näherinnen um den Bissen Des lieben Brots zehn Stunden nähen müssen!

Kröcht′ einmal ihr mit eurem Schmuck behangen Zur Kellerwohnung, wo der Schuster flickt, Sein armes Weib mit hungerbleichen Wangen Den Säugling an die welken Brüste drückt, Von einer Mark oft sieben Menschen leben, Die doch dem Kaiser noch den Groschen geben!

Es würd′ euch grausen, und in eure Stirnen Käm′ Flammen gleich das Krösusblut gerollt, Und durch den Puder eurer feilen Dirnen Bräch′ sich die Schamglut um das Sündengold, Und wie, wenn Eise sich mit Feuern mischen, Würd′ euch das Herz in frost′gen Schaudern zischen.

Ihr müsstet zittern, dächtet ihr im Düster Des Vorstadtelends an der Schlösser Pracht, An Baldachin und Purpurbett und Lüster, An Wein und Sillery und Wonnenacht Und tausendfach müsst′ euch von allen Mauern Vernichtung flammengrell entgegenschauern…

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Illustration zu An die oberen Zehntausend

Interpretation

Das Gedicht "An die oberen Zehntausend" von Oskar Jerschke ist eine scharfe Anklage gegen die soziale Ungerechtigkeit und die Gleichgültigkeit der Oberschicht gegenüber dem Elend der Unterschicht. Der Dichter fordert die "oberen Zehntausend" auf, ihre luxuriösen Paläste zu verlassen und die düsteren Gassen aufzusuchen, in denen die Armen leben. Er malt ein lebendiges Bild von den harten Lebensbedingungen der Näherinnen, die zehn Stunden am Tag für einen bescheidenen Lohn schuften müssen, und der armen Schusterfamilie, die oft mit nur einem Mark sieben Personen ernähren muss. Jerschke beschreibt, wie die Oberschicht entsetzt wäre, wenn sie die Realität der Unterschicht sehen würde. Er verwendet eindringliche Bilder, um die Scham und das Unbehagen zu vermitteln, die die Wohlhabenden empfinden würden, wenn sie die Früchte ihrer Arbeit in Form von Luxusgütern und Vergnügungen sehen würden. Die Metapher des "Krösusbluts" und der "Sündengold" unterstreicht die Schuld und Verantwortung der Oberschicht für das Leid der Armen. Das Gedicht endet mit einem Appell an die Oberschicht, ihre Privilegien und ihren Luxus zu überdenken. Jerschke fordert sie auf, sich die Schrecken der Armut und des Elends vor Augen zu führen und die Konsequenzen ihres Handelns zu erkennen. Er verwendet das Bild der "Vernichtung flammengrell", um die möglichen Auswirkungen der sozialen Ungerechtigkeit zu verdeutlichen. Insgesamt ist das Gedicht eine eindringliche Kritik an der sozialen Ungleichheit und ein Appell an die Oberschicht, ihre Verantwortung gegenüber den weniger Glücklichen zu erkennen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Baldachin und Purpurbett und Lüster
Hyperbel
Vernichtung flammengrell entgegenschauern
Kontrast
dächtet ihr im Düster des Vorstadtelends an der Schlösser Pracht
Metapher
die Schamglut um das Sündengold
Personifikation
das Krösusblut gerollt
Vergleich
wie, wenn Eise sich mit Feuern mischen