An die Nachtigall
1909O Philomele, Sing immer zu! Du siehst, ich quäle Mich mehr als du.
Es floh der meine Wie deiner floh, Und wie der deine, So liebt′ er, - so! -
Nur wenig Tage Währt dein Gesang, Doch meine Klage Währt lebenslang.
Nach kurzer Weile Suchst fremde Luft: Und ich - ich eile Zur dunkeln Gruft.
Im schönen Lenze Kommt wieder dir Von ferner Grenze Dein Liebchen hier.
Und neue Freude Bringt dir das Jahr, Ich lieb′ - und leide Ach immerdar!
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Interpretation
Das Gedicht "An die Nachtigall" von Jakob Michael Reinhold Lenz thematisiert die tiefe Verzweiflung eines lyrischen Ichs über den Verlust der Liebe. Das Ich vergleicht sich mit der Nachtigall, Philomele, die zwar ebenfalls um ihren Liebsten trauert, dessen Abwesenheit jedoch nur vorübergehend ist. Während das Lied der Nachtigall nach kurzer Zeit endet und sie schließlich ihren Partner wiederfindet, bleibt das Ich in seiner Trauer gefangen und leidet ein Leben lang. Die Klage des Ichs ist somit unendlich, während die der Nachtigall vergänglich ist. Die Struktur des Gedichts spiegelt den Kontrast zwischen der vergänglichen Natur der Nachtigall und der ewigen Qual des Ichs wider. In den ersten Strophen wird die Nachtigall als Symbol für vergängliches Leid dargestellt, das sich im Frühling wieder auflöst. Das Ich hingegen bleibt in seiner Trauer gefangen, die es bis in den Tod begleiten wird. Die Wiederholung des Wortes "so" in der zweiten Strophe betont die Ähnlichkeit der Situation, hebt aber gleichzeitig die Unterschiede in der Dauer und Intensität des Leids hervor. Das Gedicht endet mit einer bitteren Erkenntnis: Während die Nachtigall im Frühling neue Freude und ihren Liebsten wiederfindet, bleibt das Ich in seiner ewigen Trauer gefangen. Die letzten Zeilen "Ich lieb′ - und leide / Ach immerdar!" unterstreichen die Unentrinnbarkeit des Leids und die Hoffnungslosigkeit des Ichs. Die Nachtigall wird somit zu einem Symbol für die Vergänglichkeit des Schmerzes, während das Ich die Unausweichlichkeit der ewigen Trauer verkörpert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Und wie der deine, So liebt′ er, - so! -
- Apostrophe
- O Philomele
- Epipher
- Ich lieb′ - und leide Ach immerdar!
- Hyperbel
- Ich eile Zur dunkeln Gruft
- Parallelismus
- Du siehst, ich quäle Mich mehr als du