An die Nacht
1797O stille Freundin Du! O wortlos ernste Nacht! Nimm meinen lauten Schmerz in Deine Mutterarme! Verhüll′ mein müdes Haupt in Deiner Schleier Pracht, Daß dieses starre Herz in Thränenthau erwarme. Zeig′ mir Ihn fern im Traum, erwecke heiß′res Sehnen - Die harte Wirklichkeit nahm mir den Trost der Thränen.
Des Tages Forderung und seiner Fragen Qual, Sie bleiben, fern gebannt, in weitem Kreise stehen - Und frei von fremdem Zwang erhebt zum erstenmal Die Seele sich empor, will weithin rückwärts sehen Dorthin - wo sie geglaubt, dem Tod sich hinzugeben, Und ach! so tief geirrt! sie gab sich hin - dem Leben!
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Interpretation
Das Gedicht "An die Nacht" von Adele Schopenhauer ist eine eindringliche und emotionale Auseinandersetzung mit der Nacht als Zufluchtsort und Quelle der Trost spendenden Kraft. Die Nacht wird als "stille Freundin" und "wortlos ernste Nacht" personifiziert und als mütterliche Figur dargestellt, die den Schmerz des lyrischen Ichs aufnimmt und in ihren Armen tröstet. Die Nacht wird als Ort der Ruhe und Erholung beschrieben, an dem das müde Haupt in den Schleier gehüllt wird und das starre Herz durch Tränentau erwärmt wird. Die Nacht wird als ein Ort der Sehnsucht und des Träumens beschrieben, an dem das lyrische Ich den Geliebten im Traum sehen und ein heißeres Sehnen erwecken möchte. Die zweite Strophe des Gedichts beschreibt die Tageswelt als Ort der Forderung und Qual. Die Fragen und Anforderungen des Tages werden als belastend und erdrückend empfunden, und das lyrische Ich sehnt sich danach, von ihnen befreit zu werden. Die Nacht wird als ein Ort der Freiheit und des Rückzugs beschrieben, an dem die Seele sich erheben und nach rückwärts sehen kann. Die Seele sehnt sich danach, in die Vergangenheit zurückzukehren und sich dem Tod hinzugeben, doch stattdessen hat sie sich dem Leben hingegeben. Das lyrische Ich erkennt, dass es sich in seiner Sehnsucht nach dem Tod geirrt hat und dass das Leben doch noch einen Wert hat. Das Gedicht endet mit einer ambivalenten Aussage über das Leben und den Tod. Das lyrische Ich hat erkannt, dass es sich in seiner Sehnsucht nach dem Tod geirrt hat, doch es bleibt unklar, ob es nun bereit ist, das Leben anzunehmen oder ob es weiterhin nach dem Tod strebt. Das Gedicht lässt den Leser mit einem Gefühl der Ungewissheit und der Ambivalenz zurück, das die Komplexität der menschlichen Existenz und die Schwierigkeit, zwischen Leben und Tod zu wählen, widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- sie gab sich hin - dem Leben!
- Personifikation
- Sie bleiben, fern gebannt, in weitem Kreise stehen