An die Mutter

Mathilde Wesendonck

1828

I.

Im Träume sah am Bette Ich jüngst die Mutter stehn, So wie sie zu den Kindern Pflegt’ abendlich zu gehen.

Sie strich mit ihren Händen Die Linnen glatt und fein, Und nahm die weichen Decken Und hüllt’ mich fester drein.

Sie küsste mir die Augen, Sie küsste mir den Mund; Ich war so froh und wähnte, Sie sei nun ganz gesund.

Doch als ich drauf erwachte, Da ward mir’s wieder klar. Dass sie vor vielen Monden Ja schon gestorben war.

II.

Ich war ein Kind und spielte Mit Spielzeug mancherlei, Wenn man zu Bett mich brachte, Da sangen sie Eiapopei.

Nun bin ich groß geworden, Das Spielen ist vorbei, Und ob ich schlaf’, ob wache, Ist alles einerlei.

III.

Wie möchte’ ich doch so gerne Einmal zur Mutter gehen, Ihr in das liebe Antlitz Und in die Augen sehn.

Ich eil’ in ihre Kammer, Hu! die ist kalt und leer; Mich deucht, hier schlug schon lange Kein liebend Herze mehr!

Die lieben trauten Augen, Sie hat sie zugemacht, Sie winken nur im Träume Mir schweigend: gute Nacht.

IV.

Geh’ heim zu deinen Kindern Und lass’ die Mutter ruhn; Soll es dein Weh dir mindern, Versuch’s, ihr nachzutun.

Sie barg ihr stilles Weinen Im großen Mutterherz, Und trat sie zu den Kleinen, So war’s mit Laun’ und Scherz.

V.

Grabt ein Grab, Doch nicht klein darf es sein: Mutter-Liebe legt hinein. Mutter-Segen wollet hegen, Hehren Herzens rein.

Wälzt darauf Einen Stein, hart und fein, Urne soll ihm Krone sein. Kindes-Sehnen, Kindes-Tränen Schließe sie mit ein.

VI.

Mochte deine Liebe, Mächtigster der Triebe, Kalt vom Leben ab Wenden sich ins Grab?

Nein, es blieb die Liebe Mächtigster der Triebe, Nur den Herz erlag, Als der Tod es brach.

Siegreich über’m Grabe Thronet, hehrste Gabe, Mächtigster der Triebe, Mutter, deine Liebe.

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Illustration zu An die Mutter

Interpretation

Das Gedicht "An die Mutter" von Mathilde Wesendonck ist ein tief empfundenes Werk, das den Verlust der Mutter und die damit verbundenen Gefühle thematisiert. In den ersten Strophen wird die Sehnsucht nach der Mutter und die Erinnerung an ihre fürsorgliche Natur dargestellt. Die Träume, in denen die Mutter noch lebendig erscheint, stehen im Kontrast zur Realität ihres Todes. Das Gedicht beschreibt die Kindheit und den Übergang zum Erwachsenenalter, wobei die Mutter als konstante, liebevolle Präsenz im Leben des Sprechers dargestellt wird. Die folgenden Strophen reflektieren die Leere und das Fehlen der Mutter im Alltag. Die Kälte und Leere in ihrem Zimmer symbolisieren den Verlust und die Abwesenheit ihrer liebenden Gegenwart. Die Träume werden als einziger Ort dargestellt, an dem die Mutter noch als lebendige Figur erscheint, wenn auch nur, um "gute Nacht" zu sagen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Mutterliebe als eine mächtige und unsterbliche Kraft dargestellt, die den Tod überdauert. Die Bitte, ein Grab für die Mutterliebe zu schaffen, unterstreicht die tiefe Verbundenheit und die ewige Wirkung der mütterlichen Zuneigung. Das Gedicht endet mit der Betonung der unbesiegbaren Natur der Mutterliebe, die auch im Angesicht des Todes siegreich bleibt.

Schlüsselwörter

mutter liebe augen mächtigster triebe träume kindern gehen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Hehren Herzens rein
Anapher
Kindes-Sehnen, Kindes-Tränen
Hyperbel
Mächtigster der Triebe
Kontrast
Sie barg ihr stilles Weinen / Im großen Mutterherz
Metapher
Mutter-Liebe legt hinein
Personifikation
Mutter-Segen wollet hegen
Symbolik
Urne soll ihm Krone sein