An die Muse

Karl Wilhelm Ramler

1768

Willst du den allerhöchsten Zevs erhöhen, Der sein allmächtig Haupt bewegt, Und den Olymp erschüttert? oder Athenäen, In diesem Haupt gepflegt,

Die mit bestälter Esche, nimmer müde, Den Typhon, den Encelados Zurückewarf, und mit der ewigen Aegide Die Felsen, ihr Geschoss?

Singst du den ersten König in die Saite, Die Patareus dir aufgespannt? Ihn? oder seinen Bruder? oder wählst du heute Den Gwelfen Ferdinand?

In königlicher Weisheit unterwiesen, Zu Kriegestugenden erhitzt, Sind beide hoher Hymnen werth. – Bald singe diesen, O Muse! jenen itzt.

Wohlan, mein Lied! spann’ alle deine Segel Bis an den Wimpel auf, und sprich: Als der Monarch, den Sprea, Viadrus und Pregel Anbeten, Friederich-

Arminius, von Völkern angefallen, Die Neid und Wahn und Hass verband, Mit seinem Donner nicht allgegenwärtig allen Und ewig widerstand:

Da brach, genährt im sorgelosen Frieden, Gleich einem neuen Meteor, Das den Orion auslöscht und die Tyndariden, Prinz Heinrichs Geist hervor.

Als Jüngling schlief er ehmals in der Höhle Anoniens, und war die Lust Der Musen; itzt erhöheten sie seine Seele: Mit unbewegter Brust

Hielt er der Söhne Teuts verschworne Heere Züruck von unsrer Flur; (so stand Das Isthmische Gebirge, trennte beide Meere, Ward zweyer Völker Band;)

Und plötzlich schlug er die betäubten Schaaren, Und krönete, diess war der Schluss Der Götter! jene zwölf Herkulischen Gefahren Des Deutschen Genius.

Wagst du noch mehr zu singen? – Dass der Sieger, So weit er in der Feinde Land Mit seinem Lager flog, gesegnet, seine Krieger Zum Wohlthun ausgefandt?

Selbst unerforschlich, jeden Anschlag kannte? Früh thätig, jeden hintertrieb? – Nein; sage, dass ihn Friedrich selbst den Feldherrn nannte, Der ohne Fehler blieb.

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Illustration zu An die Muse

Interpretation

Das Gedicht "An die Muse" von Karl Wilhelm Ramler ist ein Loblied auf die preußischen Könige Friedrich II. und seinen Bruder Prinz Heinrich. Der Dichter wendet sich an die Muse und bittet sie, den höchsten Zeus und die Göttin Athene zu preisen. Anschließend stellt er die Frage, ob er den "ersten König" (vermutlich Friedrich II.) oder seinen Bruder Prinz Heinrich besingen soll. Er entscheidet sich dafür, beide zu ehren, da sie beide "königlicher Weisheit" unterwiesen und zu Kriegestugenden erhitzt sind. In den folgenden Strophen besingt der Dichter Prinz Heinrich als einen neuen Meteor, der aus dem sorglosen Frieden hervorbrach und den Geist des deutschen Genius verkörpert. Er vergleicht ihn mit dem germanischen Freiheitskämpfer Arminius, der sich gegen die römische Unterdrückung auflehnte. Prinz Heinrich hielt die vereinten Armeen der Feinde zurück und schlug sie schließlich in einer Schlacht, die als eine der zwölf herkulischen Taten des deutschen Genius gilt. Der Dichter wagt es, noch mehr über Prinz Heinrich zu singen und preist ihn als einen siegreichen Feldherrn, der seine Krieger zum Wohlthun führte und jeden Anschlag der Feinde kannte. Er betont, dass Prinz Heinrich ohne Fehler blieb und von Friedrich II. selbst als solcher bezeichnet wurde. Das Gedicht endet mit einer Anrufung der Muse, die den Dichter bei seiner Aufgabe unterstützen soll, die preußischen Könige und ihren Ruhm zu besingen.

Schlüsselwörter

haupt beide itzt selbst jeden willst allerhöchsten zevs

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Stilmittel

Metapher
Mit seinem Lager flog
Personifikation
Der ohne Fehler blieb