An die Muse

Christian Felix Weiße

1758

Hier nimm die sanfte Leier wieder, O Muse, die du mir geliehn; Nun sing ich weiter keine Lieder, Die von der Jugend Freuden glühn.

Verzeih, wenn ich zu schwach gespielet; Die Liebe fordert unser Herz; Das wenigste hab ich gefühlet; Das meiste sang ich bloß aus Scherz.

Von Waffen und vom Haß umgeben, Sang ich von Zärtlichkeit und Ruh; Ich sang vom süßen Saft der Reben, Und Wasser trank ich oft dazu.

Kömmt einst der goldne Friede wieder, Fühl ich einst gar der Liebe Glück, Vielleicht wag ich dann schönre Lieder: Dann, Muse, gib sie mir zurück.

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Illustration zu An die Muse

Interpretation

Das Gedicht "An die Muse" von Christian Felix Weiße handelt von einem lyrischen Ich, das sich von seiner Muse verabschiedet und die Gründe dafür darlegt. Die Stimmung ist melancholisch und nachdenklich, da das lyrische Ich einräumt, dass es nicht mehr in der Lage ist, die fröhlichen und leidenschaftlichen Lieder der Jugend zu singen. Im ersten Abschnitt nimmt das lyrische Ich die "sanfte Leier" wieder von der Muse entgegen und erklärt, dass es keine Lieder mehr singen wird, die von der Freude der Jugend glühen. Es bittet die Muse um Verzeihung, wenn es zu schwach gespielt hat, und gesteht ein, dass die Liebe das Herz fordert und dass es nur wenig von den Gefühlen wirklich gefühlt, sondern meistens nur aus Scherz gesungen hat. Im zweiten Abschnitt beschreibt das lyrische Ich die Umstände, unter denen es seine Lieder gesungen hat. Es befand sich inmitten von Waffen und Hass, sang aber von Zärtlichkeit und Ruhe. Es besang den süßen Saft der Reben, trank aber selbst oft nur Wasser dazu. Dies deutet darauf hin, dass das lyrische Ich in einer Welt des Konflikts und der Entbehrungen lebte, aber in seinen Liedern eine Oase der Liebe und des Friedens schaffen wollte. Im letzten Abschnitt blickt das lyrische Ich in die Zukunft und hofft auf eine Zeit des goldenen Friedens und des wahren Liebesglücks. Erst dann, wenn es diese Gefühle selbst erfahren hat, wagt es, vielleicht schönere Lieder zu singen. Es bittet die Muse, ihm dann die Leier zurückzugeben, damit es seine neu gewonnenen Erfahrungen in Poesie umsetzen kann.

Schlüsselwörter

sang muse lieder liebe einst nimm sanfte leier

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Stilmittel

Bildlichkeit
Ich sang vom süßen Saft der Reben, Und Wasser trank ich oft dazu
Kontrast
Von Waffen und vom Haß umgeben, Sang ich von Zärtlichkeit und Ruh
Metapher
Hier nimm die sanfte Leier wieder, O Muse, die du mir geliehn
Personifikation
Die Liebe fordert unser Herz
Vorahnung
Kömmt einst der goldne Friede wieder, Fühl ich einst gar der Liebe Glück