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An die Mißgünstigen unter den Künstlern

Von

1.

Er ist ein Künstler? – »Ein Maler! « – In Rom gewesen? – »Versteht sich!«
Ist es möglich? – »Ja wohl, sehen Sie, hier ist mein Paß.«

2.

Lorbeer wollt′ ich von euch? O ihr irrt, denn ihr, meine Freunde,
Seid ja der Feigenbaum, den der Erlöser verflucht.

3.

Ihr seid Künstler? Ihr malt und meißelt! Doch seid ihr es darum?
Straßenpflaster ist doch immer Mosaik noch nicht.

4.

Ihr karikiret mich schlecht! Hut, Strümpfe, Hosen und Schuhe
Habt ihr getroffen, doch längst legt′ ich sie alle hinweg.

5.

Stechend seid ihr zum Staunen, so wie die römischen Wanzen,
Deren stinkendes Volk nächtlich dem Lager entkriecht.

6.

Man zernichtet euch nicht? Davor behüt′ uns der Himmel,
Wenn man die Wanze zerquetscht, stinkt sie entsetzlicher noch.

7.

Wie die Mücken sind manche von euch, so hungrig und dummdreist,
Wo ihr ein Licht nur bemerkt, brennt ihr die Flügel euch an.

8.

Jeder sagt mir, der andre malt schlecht, der andr′ ist ein Stümper!
Aber wem glaub′ ich denn wohl? Jedem, vergebt es dem Lai′n!

9.

Bleibt vom römischen Forum hinweg, vom Felde der Stiere,
Warum malet ihr sie? Besser, ihr spanntet sie an!

10.

Nur sechs Wochen in Rom? Da konnt′ er ja kaum sich ein Urtheil
Bilden – »Possen, o das hab′ ich schon vorher gefällt.«

11.

Als das Scherbengericht den gerechten Athener verdammte,
Kam auch ein ärmlicher Wicht zu Aristides und sprach:
Schreibe mir doch auf die Scherbe: verbannt, ich weiß nicht zu schreiben,
Und es verdrießet mich doch, daß so gerecht man ihn nennt.
Vieles lehrt die Geschichte, die Mutter jeglicher Weisheit;
Deutet, mir dünkt es nicht schwer, dieses Histörchen auf euch.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: An die Mißgünstigen unter den Künstlern von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An die Mißgünstigen unter den Künstlern“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine leidenschaftliche Abrechnung mit den Neidern und Kritikern in der Kunstszene. Es ist eine Tirade, die sich durch eine Mischung aus Selbstbewusstsein, Verachtung und einem Hauch von Verzweiflung auszeichnet. Waiblinger nimmt seine Kritiker aufs Korn, indem er sie mit verschiedenen abschätzigen Bildern vergleicht: Sie sind wie der Feigenbaum, der vom Erlöser verflucht wurde, wie stechende römische Wanzen oder wie dummdreiste Mücken, die sich am Licht verbrennen. Diese Vergleiche sind nicht nur abwertend, sondern auch bildhaft und überzeugend, wodurch die Kritik an den Kunstkollegen verstärkt wird.

Der Autor stellt die Oberflächlichkeit und Engstirnigkeit seiner Kritiker heraus. Sie konzentrieren sich auf Äußerlichkeiten wie Kleidung, während sie die tieferen künstlerischen Qualitäten übersehen. Waiblinger deutet an, dass seine Kritiker selbst nicht in der Lage sind, wahre Kunst zu schaffen, und dass ihre Kritik daher irrelevant ist. Er wirft ihnen vor, sich auf unbedeutende Details zu konzentrieren und das Wesentliche zu verfehlen. Die Frage „Warum malet ihr sie? Besser, ihr spanntet sie an!“ im neunten Vers unterstreicht dies, indem sie die Kritiker auffordert, sinnvolle Arbeit zu verrichten, anstatt sich in der Kritik zu ergehen.

Das Gedicht ist durchzogen von einer gewissen Ironie und Selbstironie. Waiblinger scheint sich bewusst zu sein, dass seine eigene Position als Künstler fragil ist und dass er sich dem Urteil anderer aussetzt. Er zeigt sich als jemand, der von den Kommentaren der anderen frustriert ist und sich ungerecht behandelt fühlt. Die Anspielung auf Aristides, der wegen seiner Gerechtigkeit verbannt wurde, deutet auf ein Gefühl der Isolation und Ungerechtigkeit hin, das durch die Kritik verstärkt wird. Die Verwendung der Geschichte von Aristides im elften Vers stellt eine Verbindung zur eigenen Situation her und verdeutlicht das Gefühl, von den Kritikern missverstanden und ungerecht beurteilt zu werden.

Waiblingers Sprache ist direkt, kraftvoll und oft zornig. Er verwendet eine Vielzahl von rhetorischen Fragen und kraftvollen Bildern, um seine Gefühle auszudrücken. Der Rhythmus des Gedichts ist unregelmäßig, was die emotionale Intensität verstärkt. Die Verwendung von veralteten oder ungewöhnlichen Worten wie „Mißgünstigen“ und „Wicht“ verleiht dem Gedicht eine gewisse formale Eleganz, die im Kontrast zu der rohen Emotion steht. Die Schlussverse bieten eine kluge und deutliche Schlussfolgerung, die die Botschaft des Gedichts klar zum Ausdruck bringt und die Kritik an den neidischen Künstlern bekräftigt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.