An die Mißgünstigen unter den Künstlern

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1847

Er ist ein Künstler? - »Ein Maler! « - In Rom gewesen? - »Versteht sich!« Ist es möglich? - »Ja wohl, sehen Sie, hier ist mein Paß.«

Lorbeer wollt′ ich von euch? O ihr irrt, denn ihr, meine Freunde, Seid ja der Feigenbaum, den der Erlöser verflucht.

Ihr seid Künstler? Ihr malt und meißelt! Doch seid ihr es darum? Straßenpflaster ist doch immer Mosaik noch nicht.

Ihr karikiret mich schlecht! Hut, Strümpfe, Hosen und Schuhe Habt ihr getroffen, doch längst legt′ ich sie alle hinweg.

Stechend seid ihr zum Staunen, so wie die römischen Wanzen, Deren stinkendes Volk nächtlich dem Lager entkriecht.

Man zernichtet euch nicht? Davor behüt′ uns der Himmel, Wenn man die Wanze zerquetscht, stinkt sie entsetzlicher noch.

Wie die Mücken sind manche von euch, so hungrig und dummdreist, Wo ihr ein Licht nur bemerkt, brennt ihr die Flügel euch an.

Jeder sagt mir, der andre malt schlecht, der andr′ ist ein Stümper! Aber wem glaub′ ich denn wohl? Jedem, vergebt es dem Lai′n!

Bleibt vom römischen Forum hinweg, vom Felde der Stiere, Warum malet ihr sie? Besser, ihr spanntet sie an!

Nur sechs Wochen in Rom? Da konnt′ er ja kaum sich ein Urtheil Bilden - »Possen, o das hab′ ich schon vorher gefällt.«

Als das Scherbengericht den gerechten Athener verdammte, Kam auch ein ärmlicher Wicht zu Aristides und sprach: Schreibe mir doch auf die Scherbe: verbannt, ich weiß nicht zu schreiben, Und es verdrießet mich doch, daß so gerecht man ihn nennt. Vieles lehrt die Geschichte, die Mutter jeglicher Weisheit; Deutet, mir dünkt es nicht schwer, dieses Histörchen auf euch.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An die Mißgünstigen unter den Künstlern

Interpretation

Das Gedicht "An die Mißgünstigen unter den Künstlern" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine satirische Abrechnung mit neidischen und kleinlichen Künstlern. Der Sprecher nimmt die Rolle eines selbstbewussten, etablierten Künstlers ein, der sich über die Anmaßungen und Eifersüchteleien seiner Kollegen lustig macht. In den einzelnen Strophen werden verschiedene Aspekte des künstlerischen Neids und der Anmaßung aufs Korn genommen. So werden die neidischen Künstler mit einem Feigenbaum verglichen, der vom Erlöser verflucht wurde, weil er keine Früchte trug. Die Karikaturen des Sprechers werden als ungenau und belanglos dargestellt. Die Künstler werden als lästige Wanzen und Mücken beschrieben, die um jeden Preis Aufmerksamkeit erregen wollen. Der Sprecher kritisiert auch die Unkenntnis und Oberflächlichkeit der neidischen Künstler, die meinen, sich in kurzer Zeit ein Urteil über die Kunst Roms bilden zu können. Abschließend zieht der Sprecher eine Parallele zu einer Anekdote aus der Geschichte Athens, in der ein einfacher Mann den gerechten Aristides verbannt sehen wollte, obwohl er ihn nicht kannte. Diese Geschichte soll als Warnung dienen und die Torheit der neidischen Künstler verdeutlichen, die aus Eifersucht und Missgunst handeln, ohne die Leistungen ihrer Kollegen wirklich zu kennen oder zu würdigen. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, diese Geschichte auf die neidischen Künstler zu deuten und aus ihr zu lernen.

Schlüsselwörter

seid künstler rom malt schlecht hinweg römischen maler

Wortwolke

Wortwolke zu An die Mißgünstigen unter den Künstlern

Stilmittel

Allusion
Als das Scherbengericht den gerechten Athener verdammte, Kam auch ein ärmlicher Wicht zu Aristides und sprach: Schreibe mir doch auf die Scherbe: verbannt, ich weiß nicht zu schreiben, Und es verdrießet mich doch, daß so gerecht man ihn nennt.
Ironie
Er ist ein Künstler? - »Ein Maler! « - In Rom gewesen? - »Versteht sich!« Ist es möglich? - »Ja wohl, sehen Sie, hier ist mein Paß.«
Metapher
Stechend seid ihr zum Staunen, so wie die römischen Wanzen, Deren stinkendes Volk nächtlich dem Lager entkriecht.
Vergleich
Wie die Mücken sind manche von euch, so hungrig und dummdreist, Wo ihr ein Licht nur bemerkt, brennt ihr die Flügel euch an.