An die meinige

Kurt Tucholsky

1940

Legt man die Hand jetzt auf die Gummiwaren? Erinnre, Claire, dich an deine Pflicht! Das geht nicht so wie in den letzten Jahren: Du bist steril, und du vermehrst dich nicht!

Wohlauf! Wohlan! Zu Deutschlands Ruhm und Ehren! Vorbei ist nun der Liebe grüner Mai - da hilft nun nichts: du mußt etwas gebären, einmal, vielleicht auch zweimal oder drei!

Wir Deutschen sind die Allerallerersten, voran der Kronprinz als Eins-A-Papa. Der Gallier faucht - wir haben doch die mehrsten, und hungern sie, mein Gott, sie sind doch da!

Denn sieh: die Babys brauchen Medizinen und manchmal auch ein weiß Getöpf aus Ton, Gebäck, das Milchgetränk - man kauft es ihnen, und dann vor allem, Kind, die Konfektion!

Und wer soll in des Kaisers Röcken dienen, umbrüllt vom Leutnant und vom General? Stell du das her: es muß nur maskulinen Geschlechtes sein - der Schädel ist egal.

Ins Bett! Hier hast du deine Wickelbinden! Schenk mir den Leo nebst der Annmarei! Und zählt man nach, wird man voll Freude finden sechzig Millionen, und von uns die zwei!

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Illustration zu An die meinige

Interpretation

Das Gedicht "An die meinige" von Kurt Tucholsky ist eine scharfe Satire auf die nationalistische und militaristische Ideologie des Wilhelminischen Kaiserreichs. Tucholsky kritisiert die Erwartung, dass Frauen ausschließlich der Reproduktion und dem Aufbau einer starken Nation dienen sollen. Er verwendet dabei einen ironischen und sarkastischen Ton, um die Absurdität dieser Forderungen zu verdeutlichen. Der Sprecher des Gedichts fordert die Frau, vermutlich eine Ehefrau oder Geliebte, auf, ihre "Pflicht" zu erfüllen und Kinder zu gebären, um den Ruhm Deutschlands zu sichern. Die Zeilen "Du bist steril, und du vermehrst dich nicht!" verdeutlichen die kritische Haltung gegenüber Frauen, die keine Kinder bekommen. Die Betonung auf "Deutschlands Ruhm und Ehren" und die Aufforderung, "etwas gebären" zu müssen, verdeutlichen die nationalistische und militaristische Ideologie der Zeit. Tucholsky verdeutlicht die Absurdität dieser Ideologie, indem er die Erwartungen an Frauen aufs Korn nimmt. Die Zeilen "Und wer soll in des Kaisers Röcken dienen, umbrüllt vom Leutnant und vom General?" zeigen die Verachtung für diejenigen, die in der Armee dienen müssen, und verdeutlichen die Opfer, die von den Kindern erwartet werden. Die abschließenden Zeilen "Schenk mir den Leo nebst der Annmarei! Und zählt man nach, wird man voll Freude finden sechzig Millionen, und von uns die zwei!" verdeutlichen die Ironie und den Zynismus des Gedichts, indem sie die Bedeutungslosigkeit des individuellen Lebens im Vergleich zur nationalistischen Ideologie betonen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Betonung
Einmal, vielleicht auch zweimal oder dreimal!
Hyperbel
Wir Deutschen sind die Allerallerersten
Ironie
Legt man die Hand jetzt auf die Gummiwaren? Erinnre, Claire, dich an deine Pflicht!
Metapher
Liebe grüner Mai
Personifikation
Der Gallier faucht
Rhetorische Frage
Und wer soll in des Kaisers Röcken dienen, umbrüllt vom Leutnant und vom General?