An die Könige
1744Soll wieder eine ganze Welt vergehen? Bricht wieder eine Sündfluth ein? Und sollen wieder alle Tempel und Trophäen Berühmte Trümmer seyn?
Und alle Künste spät aus Asch′ und Moder Und Todtengrüften aufersteh′n, Und aus der Nacht des regellosen Zufalls oder Auf ewig untergeh′n?
Wenn nun die weise Vorwelt ausgestorben, Das unerzogne Kindeskind Ein Räuber ist; die nicht zu Räubern angeworben, Armsel′ge Pflüger sind? -
O ihr, verderblicher, als der entbrannte Vesuv, als unterirdische Gewitter! ihr des magern Hungers Bundsverwandte, Der Pest Verschworene!
Die ihr den schnellen Tod in alle Meere Auf Donnergaleonen bringt, Und von Lisboa bis zum kalten Oby Heere Zum Wechselmorde dingt!
Und ach! mit Deutschlands Bürgern Deutschlands Bürger Zerfleischet, einen bessern Held, Der Brennen weisen König zu betrüben, Würger Der Welt und Afterwelt!
Wenn eurer Mordsucht einst ein Friede wehret, Der jedem das geraubte Land Und seine bangen Feste wieder gibt, - verheeret, Entvölkert, abgebrannt:
Ihr Könige, wie wird es euch nicht reuen, (Wo nicht die fromme Reue fleucht, Durch Wollust, falsche Weisheit, lauter Schmeicheleien Des Höflings weggescheucht)
Daß euer Stahl unmenschlich Millionen Urenkelsöhne niederstieß: Daß keiner, satt des Unglücks, seine Legionen Das Blutfeld räumen hieß,
Und lieber, schuldlos, tapfer, durch die Wogen Des stillen Oceans den Pfad Gesuchet, eine Welt entdeckt, ein Volk erzogen, Wie Manko Kapak that,
Der neue Schöpfer seiner Vatererde: Er theilte Feld und Binsenhaus Und Weib und Kleid und Zucht und Götter einer Heerde Zerstreuter Wilden aus;
Und hieß dem frommen Volk ein Sohn der Sonne, Gleich milde, wachsam so wie sie, Und so wie sie des neugebornen Landes Wonne, Und ewig jung wie sie.
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Interpretation
Das Gedicht "An die Könige" von Karl Wilhelm Ramler ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die Herrscher der Welt und ihre zerstörerischen Kriege. Der Dichter fragt, ob die Welt erneut dem Untergang geweiht ist und ob die Errungenschaften der Menschheit, wie Kunst und Kultur, für immer verloren gehen werden. Er befürchtet, dass die Nachkommen der einst weisen Völker zu Räubern und Plünderern werden und die Unschuldigen leiden müssen. Ramler richtet seinen Zorn gegen die Könige, die er als verheerender als der Vesuv oder unterirdische Gewitter ansieht. Er wirft ihnen vor, den Tod in alle Meere zu tragen und Völker gegeneinander aufzuhetzen. Besonders schmerzlich ist für den Dichter der Bruderkrieg, in dem Deutsche Deutsche bekämpfen und einen besseren Helden, den weisen König von Preußen, betrüben. Er warnt die Könige, dass sie es eines Tages bereuen werden, ihre Kriege geführt und Millionen von Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Als Gegenbild zu den zerstörerischen Königen stellt Ramler den Inkaherrscher Manko Kapak, den "neuen Schöpfer seiner Vatererde", dar. Dieser habe ein neues Volk gezüchtet, ihnen Zivilisation und Religion gebracht und sie wie einen Sohn der Sonne geliebt. Mit diesem Beispiel zeigt Ramler, dass Herrscher auch eine friedliche, schaffende Rolle einnehmen können, anstatt ihre Macht für Kriege und Unterdrückung zu missbrauchen. Das Gedicht ist ein eindringlicher Appell an die Könige, ihre Politik zu ändern und den Frieden zu suchen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Manko Kapak
- Alliteration
- verderblicher, als der entbrannte Vesuv
- Anapher
- Und sollen wieder alle Tempel und Trophäen Berühmte Trümmer seyn? Und alle Künste spät aus Asch′ und Moder Und Todtengrüften aufersteh′n
- Apostrophe
- O ihr, verderblicher, als der entbrannte Vesuv
- Hyperbel
- Daß euer Stahl unmenschlich Millionen Urenkelsöhne niederstieß
- Kontrast
- Die nicht zu Räubern angeworben, Armsel′ge Pflüger sind?
- Metapher
- Soll wieder eine ganze Welt vergehen?
- Personifikation
- Die ihr den schnellen Tod in alle Meere Auf Donnergaleonen bringt
- Symbolik
- der entbrannte Vesuv
- Vergleich
- O ihr, verderblicher, als der entbrannte Vesuv