An die Jünglinge

Friedrich Hebbel

1863

Trinkt des Weines dunkle Kraft, Die euch durch die Seele fließt Und zu heil′ger Rechenschaft Sie im Innersten erschließt! Blickt hinab nun in den Grund, Dem das Leben still entsteigt, Forscht mit Ernst, ob es gesund Jedem Höchsten sich verzweigt!

Geht an einen schaur′gen Ort, Denkt an aller Ehren Strauß, Sprecht dann laut das Schöpfungswort, Sprecht das Wort: es werde! aus. Ja, es werde! spricht auch Gott, Und sein Segen senkt sich still, Denn, den macht er nicht zum Spott Der sich selbst vollenden will.

Betet dann, doch betet nur Zu euch selbst, und ihr beschwört Aus der eigenen Natur Einen Geist, der euch erhört. Leben heißt, tief einsam sein; In die spröde Knospe drängt Sich kein Tropfe Taus hinein, Eh′ sie innre Glut zersprengt.

Gott dem Herrn ist′s ein Triumph, Wenn ihr nicht vor ihm vergeht, Wenn ihr, statt im Staube dumpf Hinzuknieen, herrlich steht, Wenn ihr stolz, dem Baume gleich, Euch nicht unter Blüten bückt, Wenn die Last des Segens euch Erst hinab zur Erde drückt.

Fort den Wein! Wer noch nicht flammt, Ist nicht seines Kusses wert, Und wer selbst vom Feuer stammt, Steht schon lange glutverklärt. Euch geziemt nur Eine Lust, Nur ein Gang durch Sturm und Nacht, Der aus eurer dunklen Brust Einen Sternenhimmel macht.

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Illustration zu An die Jünglinge

Interpretation

Das Gedicht "An die Jünglinge" von Friedrich Hebbel ist ein Aufruf an die Jugend, sich selbst zu erkennen und zu verwirklichen. Der Dichter ermutigt die jungen Menschen, die Kraft des Weins zu nutzen, um ihre Seele zu öffnen und tief in ihr Inneres zu blicken. Er fordert sie auf, ehrlich zu sich selbst zu sein und zu prüfen, ob ihr Leben gesund und aufrichtig ist. Hebbel betont die Bedeutung der Selbstreflexion und der inneren Auseinandersetzung mit dem eigenen Wesen. In der zweiten Strophe ruft Hebbel die Jugendlichen dazu auf, sich an einem schaurigen Ort zu versammeln und das Schöpfungswort zu sprechen. Er verweist auf die Macht der Schöpfung und des Segens, der sich still auf diejenigen senkt, die sich selbst verwirklichen wollen. Der Dichter betont, dass Gott diejenigen nicht verspottet, die sich selbst verwirklichen wollen, sondern sie segnet und unterstützt. In der dritten Strophe ermutigt Hebbel die Jugendlichen, zu sich selbst zu beten und aus ihrer eigenen Natur einen Geist zu beschwören, der sie erhört. Er betont die Einsamkeit des Lebens und die Notwendigkeit, sich selbst zu finden und zu verwirklichen. Der Dichter vergleicht das Leben mit einer Knospe, die sich erst öffnet, wenn die innere Glut sie zerreißt. Hebbel fordert die Jugendlichen auf, stolz und aufrecht zu sein und sich nicht unter dem Gewicht des Segens zu beugen. Er ermutigt sie, ihre Leidenschaft zu entfachen und durch Sturm und Nacht zu gehen, um einen Sternenhimmel in ihrer dunklen Brust zu erschaffen.

Schlüsselwörter

selbst hinab leben still sprecht werde gott macht

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Stilmittel

Metapher
Der aus eurer dunklen Brust Einen Sternenhimmel macht
Personifikation
Die euch durch die Seele fließt