An die Hoffnung

Friedrich Hölderlin

1843

O Hoffnung! holde! gütiggeschäftige! Die du das Haus der Trauernden nicht verschmähst, Und gerne dienend, Edle! zwischen Sterblichen waltest und Himmelsmächten, Wo bist du? wenig lebt′ ich; doch atmet kalt Mein Abend schon. Und stille, den Schatten gleich, Bin ich schon hier; und schon gesanglos Schlummert das schaudernde Herz im Busen. Im grünen Tale, dort, wo der frische Quell Vom Berge täglich rauscht, und die liebliche Zeitlose mir am Herbsttag aufblüht, Dort, in der Stille, du Holde, will ich Dich suchen, oder wenn in der Mitternacht Das unsichtbare Leben im Haine wallt, Und über mir die immerfrohen Blumen, die blühenden Sterne glänzen, O du des Äthers Tochter! erscheine dann Aus deines Vaters Gärten, und darfst du nicht Ein Geist der Erde, kommen, schröck′, o Schröcke mit anderem nur das Herz mir.

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Illustration zu An die Hoffnung

Interpretation

Das Gedicht "An die Hoffnung" von Friedrich Hölderlin ist ein leidenschaftlicher Appell an die Hoffnung, die als eine göttliche und tröstende Kraft dargestellt wird. Der Sprecher ruft die Hoffnung als "holde" und "gütiggeschäftige" an, die nicht die "Haus der Trauernden" verschmäht. Er erkennt die Hoffnung als eine edle Gestalt, die zwischen Sterblichen und himmlischen Mächten waltet. Doch der Sprecher fühlt sich bereits dem Abend seines Lebens nahe und versinkt in Stille und Traurigkeit, sein "schauderndes Herz" schlummert "gesanglos" im Busen. In seiner Verzweiflung sucht der Sprecher die Hoffnung an verschiedenen Orten. Er will sie im "grünen Tale" suchen, wo der "frische Quell" vom Berge rauscht und die "liebliche Zeitlose" ihm am Herbsttag aufblüht. Er hofft auch, die Hoffnung in der Mitternacht zu finden, wenn das "unsichtbare Leben im Haine wallt" und die "immerfrohen Blumen, die blühenden Sterne" über ihm glänzen. Der Sprecher fleht die Hoffnung an, aus den Gärten ihres Vaters, des Äthers, zu erscheinen und sein Herz zu erschüttern. Das Gedicht endet mit einem verzweifelten Aufruf an die Hoffnung, das Herz des Sprechers zu erschüttern, selbst wenn sie nicht als "Geist der Erde" kommen kann. Hölderlin verwendet hier das Wort "schröcke", was "erschrecke" oder "erschüttert" bedeutet, um die Intensität des Wunsches des Sprechers nach der Anwesenheit der Hoffnung zu betonen. Das Gedicht ist ein eindringliches Plädoyer für die Kraft der Hoffnung in Zeiten der Verzweiflung und Trauer.

Schlüsselwörter

holde stille herz hoffnung gütiggeschäftige haus trauernden verschmähst

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Wo bist du? wenig lebt′ ich; doch atmet kalt Mein Abend schon.
Apostrophe
O Hoffnung! holde! gütiggeschäftige!
Bildsprache
Im grünen Tale, dort, wo der frische Quell Vom Berge täglich rauscht, und die liebliche Zeitlose mir am Herbsttag aufblüht
Hyperbel
O du des Äthers Tochter! erscheine dann Aus deines Vaters Gärten
Personifikation
Und stille, den Schatten gleich, Bin ich schon hier; und schon gesanglos Schlummert das schaudernde Herz im Busen.