An die heutigen Eucratiten
1754Was edle Seelen Wollust nennen, Vermischt mit schnöden Lüsten nicht! Der ächten Freude Werth zu kennen Ist gleichfalls unsers Daseins Pflicht. Ihr fallt oft tiefer, klimmt oft höher, Als die beglückende Natur: Ihr kennt vielleicht Epicuräer; Doch kennt ihr auch den Epicur?
Sind nicht der wahren Freude Grenzen Geschmack und Wahl und Artigkeit? Entehrte Scipio mit Tänzen Den Heldenruhm und seine Zeit? Die Liebe, die auch Weise loben, Macht ihre Liebe nicht zu frei: Der Wein, den Plato selbst erhoben, Verführt ihn nicht zur Völlerei.
Zu altdeutsch trinken, taumelnd küssen Ist höchstens nur der Wenden Lust: Wie Kluge zu genießen wissen, Verbleibt dem Pöbel unbewußt, Dem Pöbel, der in Gift verkehret, Was unserm Leben Stärkung bringt, Und der die Becher wirklich leeret, Wovon der Dichter doch nur singt.
Von welchen Vätern, welchen Müttern Erbt ihr die Einsicht großer Welt? Die Liebe kennt ihr aus den Rittern, Die uns Cervantes dargestellt; Euch heißt der Wein der Unart Zunder, Und fremder Völker Trinklied Tand: O dafür bleib′ euch der Burgunder, Lainez und Babet unbekannt!
Der Unterschied in Witz und Tugend Ist größer, als man denken kann. Es zeigt die Sprache muntrer Jugend Nicht stets der Jugend Fehler an. Petrarchen, der in Versen herzet, War Laura keine Lesbia; Voiture, der so feurig scherzet, Trank Wasser, wie ein Seneca.
Nie ist der Einfalt Urtheil schwächer, Als wann′s auf Schriftverfasser geht. Da heißt Sallust kein Ehebrecher: Er lehrt ja streng, als Epictet; Doch Plinius ist zu verdammen: Der hatte Welt und Laster lieb. Wie sehr verdient er Straf′ und Flammen, Weil er ein freies Liedchen schrieb!
So liebreich und so gründlich denken Die Tadler spielender Vernunft, Und wünschen, um sie einzuschränken, Der ernsten Zeiten Wiederkunft; Der Jahre, da des Gastmahls Länge Den steifen Sitzern Lust gebar, Und wiederholtes Wortgepränge, Was jetzt ein Lied von Carpsern, war.
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Interpretation
Das Gedicht "An die heutigen Eucratiten" von Friedrich von Hagedorn kritisiert die zeitgenössische Gesellschaft, die wahre Freude und Genuss nicht zu schätzen weiß. Hagedorn betont die Bedeutung, die wahre Freude zu erkennen und zu genießen, ohne sie mit niederen Lüsten zu vermischen. Er fordert dazu auf, den Wert der echten Freude zu verstehen und sie als Pflicht des Lebens zu betrachten. Der Dichter macht deutlich, dass wahre Freude und Genuss eine Kunst sind, die den Gebildeten vorbehalten ist, während das einfache Volk oft nicht in der Lage ist, die feinen Unterschiede zu erkennen. Hagedorn verwendet Beispiele aus der Geschichte und Literatur, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Er erwähnt historische Persönlichkeiten wie Scipio, Plato und Seneca, die trotz ihrer Vorlieben für Liebe und Wein nicht der Lasterhaftigkeit verfallen sind. Der Dichter kritisiert die heutige Generation, die oft nur die äußeren Aspekte des Genusses kennt, ohne dessen wahre Bedeutung zu verstehen. Er weist darauf hin, dass wahre Freude und Genuss eine Frage des Geschmacks, der Wahl und der Feinheit sind, die vielen Menschen heute abhandengekommen ist. Abschließend beklagt Hagedorn die Einfalt und das Missverständnis der Kritiker, die die Werke und Lebensweisen großer Persönlichkeiten nicht richtig einschätzen können. Er bedauert, dass viele Menschen die Werke von Autoren wie Sallust und Plinius nicht in ihrem richtigen Kontext verstehen und stattdessen aufgrund oberflächlicher Urteile verurteilen. Der Dichter wünscht sich eine Rückkehr zu einer Zeit, in der die Wertschätzung für wahre Freude und Genuss noch vorhanden war, und kritisiert die moderne Gesellschaft dafür, dass sie diese Werte verloren hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allusion
- Die Tadler spielender Vernunft
- Anspielung
- Von welchen Vätern, welchen Müttern / Erbt ihr die Einsicht großer Welt?
- Gegenüberstellung
- Ihr fallt oft tiefer, klimmt oft höher, / Als die beglückende Natur
- Hyperbel
- Wie sehr verdient er Straf' und Flammen, / Weil er ein freies Liedchen schrieb!
- Kontrast
- Und wiederholtes Wortgepränge, / Was jetzt ein Lied von Carpsern, war
- Metapher
- Der Jahre, da des Gastmahls Länge / Den steifen Sitzern Lust gebar
- Personifikation
- Der Wein, den Plato selbst erhoben, / Verführt ihn nicht zur Völlerei.
- Rhetorische Frage
- Sind nicht der wahren Freude Grenzen / Geschmack und Wahl und Artigkeit?