An die Hausgeister

Adolf Friedrich Graf von Schack

1815

Wieder in dem alten Gleise Rollt das Rad der Tage nun; Von des Lebens irrer Reise Kehr′ ich, um in euerm Kreise Froh und glücklich auszuruhn. Meines Vaterhauses Laren, Mich vor Irrsal zu bewahren, Hütet mich bei Tag und Nacht, Wie ihr, euern Reigen schlingend, Süße Lieder leise singend, Meine Wiege schon bewacht!

Nun aufs neu mit Glockenklange Weckt mich, wenn der Morgen graut! Bei der Schwalbe Frühgesange, Die sich an dem Bogengange Heimatlich ihr Nest gebaut, Sei ich in der Dämmerfrische An dem trauten Arbeitstische Von der Bücherwelt umringt, Während ihr mit lust′gem Klettern Aus den Schränken, von den Brettern Mir die lieben Bände bringt!

Gern dann lausch′ ich euren Spielen, Wenn - als ob vom Wind bewegt Leichte Blätter niederfielen - Auf den Treppen, auf den Dielen Trippelnd sich eu′r Fußtritt regt; Wenn ihr klingelt an den Schellen, Lachend, wie das lust′ge Gellen Auf dem Flur ein Echo weckt, Oder, mit den Händchen klappend, Durch das Morgendämmer tappend, Euch mit unsern Gnomen neckt.

Oder nachts mit den Geschwistern Und den Freunden am Kamin Hör′ ich in der Flamme Knistern Eure Stimmen leise flüstern; Aennchen sitzt auf meinen Knien Und erzählt uns schöne Märchen, Sei es vom verliebten Klärchen, Wie es sich im Wald verlief, Oder von der Dornenhecke, Wo im sicheren Versteckte Röschen hundert Jahre schlief.

Spielend mit den blonden Locken, Küss′ ich das geliebte Kind; Bertha sitzt indes am Rocken, Und das Spinnrad ohne Stocken Schnurrt im Kreise pfeilgeschwind; Von des Herbstes Blättertreiben Klirren oft die Fensterscheiben, Draußen rauscht der Eichenbaum, Und, zu meinen Füßen liegend, Bellt, sich fester an mich schmiegend, Oft das Windspiel auf im Traum.

Aber von den Glockentürmen Mahnt zum Schlaf der zwölfte Schlag; Euch; ihr Laren, uns von Stürmen Und vor Flammennot zu schirmen, Euch befehl′ ich dieses Dach! Wacht an unser aller Bette, Und auf jede Lagerstätte Gießt der Träume goldne Flut, Bis im Schlaf ein Lächeln sage, Wie das Herz vor Freude schlage, Das an dem der Heimat ruht!

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Illustration zu An die Hausgeister

Interpretation

Das Gedicht "An die Hausgeister" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist ein eindringliches Loblied auf die heimischen Schutzgeister, die Laren. Der Sprecher kehrt in sein Elternhaus zurück und findet dort in der vertrauten Umgebung Trost und Ruhe. Die Laren werden als Beschützer dargestellt, die den Sprecher vor den Irrungen des Lebens bewahren und ihn sowohl bei Tag als auch bei Nacht behüten. Das Gedicht beschreibt die verschiedenen Tageszeiten und Aktivitäten im Haus. Morgens wird der Sprecher von den Laren geweckt und umgeben von Büchern an seinem Arbeitstisch. Er lauscht den spielerischen Geräuschen der Geister, die durch das Haus huschen. Abends sitzt er mit seiner Familie am Kamin und lauscht den Geschichten, die seine Frau Aennchen erzählt. Die idyllische Szene wird durch die Anwesenheit seiner Kinder Bertha und des Hundes vervollständigt. Das Gedicht endet mit einem Gebet an die Laren, das Haus und seine Bewohner vor Stürmen und Feuer zu schützen. Der Sprecher bittet die Geister, über alle Betten zu wachen und süße Träume zu bringen, bis das Herz vor Freude schlägt, weil es in der Geborgenheit des Heims ruht. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit mit dem familiären Zuhause und den Schutzgeistern, die es bewohnen.

Schlüsselwörter

kreise laren leise weckt lust sitzt oft schlaf

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Froh und glücklich auszuruhn
Anapher
Bei der Schwalbe Frühgesange, Die sich an dem Bogengange Heimatlich ihr Nest gebaut
Bildsprache
Von des Lebens irrer Reise Kehr′ ich, um in euerm Kreise Froh und glücklich auszuruhn
Enjambement
Mahnt zum Schlaf der zwölfte Schlag; Euch; ihr Laren, uns von Stürmen Und vor Flammennot zu schirmen, Euch befehl′ ich dieses Dach!
Hyperbel
Gießt der Träume goldne Flut
Kontrast
Von des Herbstes Blättertreiben Klirren oft die Fensterscheiben, Draußen rauscht der Eichenbaum
Metapher
Rollt das Rad der Tage nun
Personifikation
Wieder in dem alten Gleise Rollt das Rad der Tage nun
Symbolik
Oder von der Dornenhecke, Wo im sicheren Versteckte Röschen hundert Jahre schlief
Vergleich
Als ob vom Wind bewegt Leichte Blätter niederfielen