An die Freunde
1805Lieben Freunde, es gab schönre Zeiten, Als die unsern, das ist nicht zu streiten! Und ein edler Volk hat einst gelebt. Könnte die Geschichte davon schweigen, Tausend Steine würden redend zeugen, Die man aus dem Schoß der Erde gräbt. Doch es ist dahin, es ist verschwunden Dieses hoch begünstigte Geschlecht. Wir, wir leben! Unser sind die Stunden, Und der Lebende hat Recht.
Freunde, es gibt glücklichere Zonen, Als das Land, worin wir leidlich wohnen, Wie der weit gereiste Wandrer spricht. Aber hat Natur uns viel entzogen, War die Kunst uns freundlich doch gewogen, Unser Herz erwarmt an ihrem Licht. Will der Lorbeer hier sich nicht gewöhnen, Wird die Myrte unsers Winters Raub: Grünet doch, die Schläfe zu bekrönen, Uns der Rebe muntres Laub.
Wohl von größerm Leben mag es rauschen, Wo vier Welten ihre Schätze tauschen, An der Themse, auf dem Markt der Welt. Tausend Schiffe landen an und gehen; Da ist jedes Köstliche zu sehen, Und es herrscht der Erde Gott, das Geld. Aber nicht im trüben Schlamm der Bäche, Der von wilden Regengüssen schwillt, Auf des stillen Baches ebner Fläche Spiegelt sich das Sonnenbild.
Prächtiger, als wir in unserm Norden, Wohnt der Bettler an der Engelspforten, Denn er sieht das ewig einz′ge Rom! Ihn umgibt der Schönheit Glanzgewimmel, Und ein zweiter Himmel in dem Himmel Steigt Sankt Peters wunderbarer Dom. Aber Rom in allem seinem Glanze Ist ein Grab nur der Vergangenheit; Leben duftet nur die frische Pflanze, Die die grüne Stunde streut.
Größres mag sich anderswo begeben, Als bei uns in unserm kleinen Leben; Neues - hat die Sonne nie gesehn. Sehn wir doch das Große aller Zeiten Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Sinnvoll still an uns vorüber gehn. Alles wiederholt sich nur im Leben, Ewig jung ist nur die Phantasie. Was sich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie!
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Interpretation
Das Gedicht "An die Freunde" von Friedrich von Schiller ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schönheit und den Wert des gegenwärtigen Lebens. Schiller beginnt mit einer nostalgischen Betrachtung vergangener Zeiten und Völker, die als edel und glücklich galten. Er erkennt die Größe vergangener Epochen an, betont aber gleichzeitig, dass die Gegenwart ihr Recht hat und dass die Lebenden die Stunde gehören. Im zweiten Teil des Gedichts vergleicht Schiller verschiedene Orte und Lebensbedingungen. Er erkennt an, dass es glücklichere Zonen und reichere Länder gibt, wie die Themse mit ihrem geschäftigen Handel. Dennoch findet er Schönheit und Wärme in seinem eigenen Herzen, das durch die Kunst erleuchtet wird. Schiller betont die Bedeutung der inneren Werte und der Kunst, die das Herz erwärmen können. Im dritten Teil des Gedichts beschreibt Schiller die Pracht und den Glanz Roms, der als Symbol für vergangene Größe und Schönheit steht. Er erkennt die Faszination und den Reiz dieser Stadt an, betont aber gleichzeitig, dass das wahre Leben und die Frische in der Gegenwart zu finden sind. Schiller verwendet das Bild der Pflanze, die nur in der frischen Stunde duftet, um die Vergänglichkeit der Vergangenheit und die Lebendigkeit der Gegenwart zu verdeutlichen. Im letzten Teil des Gedichts betont Schiller die Bedeutung der Phantasie und der Kunst. Er erkennt an, dass das Große aller Zeiten auf den Brettern der Weltbühne vorübergeht und dass alles im Leben sich wiederholt. Dennoch betont er, dass die Phantasie ewig jung bleibt und dass das, was sich nie und nirgends ereignet hat, nie veraltet. Schiller schließt das Gedicht mit einem Aufruf an seine Freunde, die Gegenwart zu schätzen und die Schönheit des Lebens zu genießen.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Hyperbel
- Alles wiederholt sich nur im Leben, Ewig jung ist nur die Phantasie.
- Kontrast
- Was sich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie!
- Metapher
- Sehn wir doch das Große aller Zeiten Auf den Brettern, die die Welt bedeuten
- Personifikation
- Könnte die Geschichte davon schweigen, Tausend Steine würden redend zeugen