An die Freiheit 1823
1827Was mir so leise einst die Brust durchbebte, Als ich zuerst zum Jüngling war erwacht, Was sich so hold in meine Träume webte, Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht; Und was am Morgen klar noch in mir lebte, Was dann, zur lichten Flamme angefacht, Mit kühner Ahnung meine Seele füllte - Es wären nur der Täuschung Luftgebilde?
Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten, Wenn ich der Völker Schicksal überlas, Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten Der Schöpfung mit dem trunknen Auge maß, Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden, Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß - Ich fühle es an meines Herzens Glühen, Es war kein Traumbild eitler Phantasien!
Du, stille Nacht, und du, o meine Laute! Nur euch, ihr Trauten, hab ich es gesagt; Ertönt′s noch einmal, was ich euch vertraute, Erzählt′s dem Abendhauch, was ich geklagt, O sagt′s ihm, was ich fühlte, was ich schaute, Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt: O Freiheit, Freiheit! dich hab ich gesungen, Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen!
Die müde Sonne ist hinabgegangen, Der Abendschein am Horizont zerrinnt, Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen, Stiegst du hernieder mit dem Abendwind? Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen, Ich fühl′s, du schwebst um mich, so mild, so lind - O weile hier, wirf ab die Adlerflügel! Du schweigst? du meidest ewig Deutschlands Hügel?
Wohl lange ist′s, seit du so gerne wohntest Bei unsern Ahnen in dem düstern Hain; Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest Vom eis′gen Belt bis an den alten Rhein? Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest? Das schöne Land soll ganz vergessen sein? Noch denkst du sein; es wird dich wiedersehen, Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "An die Freiheit" von Wilhelm Hauff ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit, das den Dichter in seiner Jugend bewegt hat. Es beginnt mit einer Beschreibung der Gefühle, die der Autor als junger Mann empfand, als er zum ersten Mal erwachte und die Freiheit in seinen Träumen erlebte. Diese Gefühle wurden durch die Lektüre der Geschichte und die Betrachtung des Schicksals der Völker sowie durch die Betrachtung der Weite der Schöpfung verstärkt. Der Dichter betont, dass diese Gefühle keine Täuschung waren, sondern tief in seinem Herzen verwurzelt. In der zweiten Strophe wendet sich der Dichter direkt an die Freiheit und bittet sie, seine Gefühle und Gedanken zu teilen. Er singt ihr ein Lied und hofft, dass sie seine Sehnsucht nach Freiheit hört. Der Dichter beschreibt die Freiheit als eine stille Nacht und seine Laute als seine einzigen Vertrauten, denen er seine Gedanken anvertraut hat. Er bittet sie, seine Gefühle und Hoffnungen zu teilen und seine Sehnsucht nach Freiheit zu verstehen. In der letzten Strophe beschreibt der Dichter die Freiheit als eine schöne Frau, die ihn umgibt und ihm Trost spendet. Er bittet sie, bei ihm zu bleiben und ihre "Adlerflügel" abzuwerfen, was symbolisch für die Befreiung von Unterdrückung steht. Der Dichter fragt sich, ob die Freiheit Deutschland für immer verlassen hat, da sie schon lange nicht mehr bei seinen Ahnen gelebt hat. Er hofft jedoch, dass die Freiheit eines Tages zurückkehren wird und dass auch sein Grab von ihrem Geist umweht wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest
- Hyperbel
- Wenn ich der Völker Schicksal überlas
- Metapher
- Es wird dich wiedersehen, Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen
- Personifikation
- Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen