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An die Ersehnte

Von

Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist
und weil mich Gott mit dir züchtigen will,
und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist
wie in schmächtigen Pappeln im April.

Ich kenne dich nicht – aber eines Tages
wirst du im Sturm an meine Türe klopfen,
und ich werde öffnen auf dies Klopfen,
und meine zuchtlose Brust wird gleichen Schlages
an Deine zuchtlosen Brüste klopfen.

Denn ich kenne dich – deine Augen glänzen wie Knospen,
und du willst blühen, blühen, blühen!
und deine jungen Gedanken sprühen
wie gepeitschte Sträucher an Sturzbächen;
und du möchtest wie ich den Stürmen Gottes trotzen
oder zerbrechen!

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Gedicht: An die Ersehnte von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An die Ersehnte“ von Richard Dehmel ist eine Liebeserklärung, die auf einer paradoxen Mischung aus Sehnsucht, Distanz und Vorahnung basiert. Der Dichter wendet sich an eine unbenannte Frau, die er als „Gerte“ bezeichnet, was bereits eine ambivalente Beziehung andeutet: Einerseits ist sie zart und schlank, andererseits verkörpert sie eine gewisse Strenge oder Züchtigung. Diese duale Natur spiegelt sich in der gesamten Vorstellung wider, die von einer tiefen, aber ungestillten Sehnsucht geprägt ist. Der Vergleich mit den schlanken Pappeln im Frühling verstärkt das Bild der Ungebundenheit und des Drangs nach Wachstum, während gleichzeitig die Unbekanntheit der Geliebten betont wird.

Die zweite Strophe markiert einen Wendepunkt, indem sie die Ankunft der Frau in der Zukunft antizipiert. Das „Klopfen“ an der Tür symbolisiert den Eintritt in das Leben des Dichters, und die Antwort darauf ist ein ungestillter Wunsch nach einer gleichwertigen Reaktion. Die „zuchtlose Brust“ des Dichters wird durch die „zuchtlosen Brüste“ der Geliebten gespiegelt, was eine Befreiung von gesellschaftlichen Normen und eine Entfesselung der Leidenschaft suggeriert. Hier wird eine Sehnsucht nach einer Beziehung ausgedrückt, die sowohl von Verletzlichkeit als auch von ungebändigter Energie geprägt ist.

In der dritten Strophe nimmt die Beschreibung der Geliebten konkretere Formen an. Ihre Augen werden mit Knospen verglichen, was ihre Jugend, ihre Schönheit und ihr Potenzial zum Blühen hervorhebt. Die Wiederholung des Wortes „blühen“ unterstreicht das innige Verlangen nach Entfaltung und Sinnlichkeit. Die „jungen Gedanken“, die wie „gepeitschte Sträucher an Sturzbächen“ sprühen, deuten auf ihre Vitalität, ihre Unruhe und ihren Drang nach Veränderung hin.

Das Gedicht endet mit der Option „den Stürmen Gottes zu trotzen oder zu zerbrechen“, was die erotische Erfahrung mit einer existenziellen Konfrontation verbindet. Die Geliebte und der Dichter werden zu Trägern einer möglichen Katastrophe, die auch die Chance auf ein extremes Glück birgt. In diesem Spannungsfeld zwischen Sehnsucht und Furcht entfaltet das Gedicht seine ganze Kraft und macht es zu einem Ausdruck tiefer Leidenschaft und existentieller Unsicherheit.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.