An die Dichtkunst
1747Gespielinn meiner Neben-Stunden, Bey der ein Theil der Zeit verschwunden, Die mir, nicht andern, zugehört: O Dichtkunst, die das Leben lindert! Wie manchen Gram hast Du verhindert, Wie manche Fröhlichkeit vermehrt!
Die Kraft, der Helden Trefflichkeiten Mit tapfern Worten auszubreiten, Verdankt Homer und Maro dir. Die Fähigkeit, von hohen Dingen Den Ewigkeiten vorzusingen, Verliehst du ihnen und nicht mir.
Die Lust, von Wahn mich zu entfernen Und Deinem Flaccus abzulernen, Wie man durch echten Witz gefällt; Die Lust, den Alten nachzustreben, Ist mir im Zorn von dir gegeben, Wenn nicht mein Wunsch das Ziel erhält.
Zu eitel ist das Lob der Freunde: Und drohen in der Nachwelt Feinde, Die finden unsre Grösse klein. Den itzt an Liedern reichen Zeiten Empfehl ich diese Kleinigkeiten: Sie wollen nicht unsterblich seyn.
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Interpretation
Das Gedicht "An die Dichtkunst" von Friedrich von Hagedorn ist ein Loblied auf die Kunst des Dichtens und ihre Bedeutung im Leben des Autors. Hagedorn preist die Dichtkunst als Gefährtin seiner Mußestunden, die ihm Trost und Freude spendet und ihn von Kummer befreit. Er erkennt die Macht der Dichtkunst an, Heldenepen zu schaffen und von ewigen Dingen zu singen, wie es große Dichter wie Homer und Vergil taten. Gleichzeitig gesteht er jedoch auch seine eigenen Grenzen ein und räumt ein, dass ihm diese Fähigkeit nicht gegeben ist. Hagedorn betont die Bedeutung des Lernens von den Alten und des Strebens nach wahrem Witz, um durch die Dichtkunst zu gefallen. Er erkennt an, dass ihm diese Lust im Zorn der Dichtkunst gegeben wurde, auch wenn sein Wunsch, das Ziel zu erreichen, nicht immer erfüllt wird. Das Gedicht zeigt eine gewisse Selbstreflexion und Bescheidenheit des Autors, der sich seiner eigenen Unvollkommenheit bewusst ist und die Größe der großen Dichter anerkennt. Abschließend drückt Hagedorn seine Skepsis gegenüber dem Lob der Freunde und der Kritik der Nachwelt aus. Er empfiehlt seine "Kleinigkeiten" den reichen Zeiten der Lieder, ohne den Anspruch auf Unsterblichkeit zu erheben. Das Gedicht verdeutlicht die ambivalente Beziehung des Autors zur Dichtkunst - einerseits als Quelle der Freude und des Trostes, andererseits als Herausforderung, die nicht immer zu meistern ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allusion
- Die Kraft, der Helden Trefflichkeiten Mit tapfern Worten auszubreiten, Verdankt Homer und Maro dir.
- Anrede
- Gespielinn meiner Neben-Stunden
- Antithese
- Zu eitel ist das Lob der Freunde: Und drohen in der Nachwelt Feinde
- Hyperbel
- Wie manchen Gram hast Du verhindert, Wie manche Fröhlichkeit vermehrt!
- Kontrast
- Die Fähigkeit, von hohen Dingen Den Ewigkeiten vorzusingen, Verliehst du ihnen und nicht mir.
- Metapher
- O Dichtkunst, die das Leben lindert!
- Personifikation
- Die Lust, von Wahn mich zu entfernen Und Deinem Flaccus abzulernen
- Untertreibung
- Sie wollen nicht unsterblich seyn.