An die Dichterin

Friedrich Schlegel

1772

Gern flieht der Geist vom kleinlichen Gewühle Der Welt, wo Albernheiten ernsthaft thronen, Auf zu des Scherzes heitern Regionen, Verhüllt in sich die heiligsten Gefühle.

Umweht ihn einmal Äther leicht und kühle, So kann er nimmer wieder unten wohnen, Und schnell wird jenen Scherz der Ernst belohnen, Daß er sich neu im eignen Bilde fühle.

Die Wünsche, die dich hin zur Dichtkunst ziehen, Der frohe Ernst, in den du da versankest, Das sei dein eigen still verborgnes Leben;

Was du gedichtet, um ihr zu entfliehen, Das mußt du, weil du ihr allein es dankest, Der Welt zum Scheine scherzend wiedergeben.

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Illustration zu An die Dichterin

Interpretation

Das Gedicht "An die Dichterin" von Friedrich Schlegel thematisiert die Flucht des Geistes aus der alltäglichen, oft albernen Welt hin zu den heiteren Regionen des Scherzes, wo er seine heiligsten Gefühle verhüllt. Der Dichter beschreibt, wie der Geist, einmal von ätherischer Leichtigkeit und Kühle berührt, nicht mehr in der unterdrückenden Welt unten verweilen kann. Der Ernst wird den Scherz belohnen, indem er ihm ermöglicht, sich neu im eigenen Bilde zu fühlen. Schlegel verdeutlicht, dass die Wünsche, die die Dichterin zur Dichtkunst ziehen, sowie der frohe Ernst, in den sie eintaucht, ihr eigenes, still verborgenes Leben darstellen. Was sie jedoch dichtet, um der Welt zu entfliehen, muss sie der Welt zum Scheine scherzend wiedergeben, da sie ihr allein diese Gabe verdankt. Das Gedicht reflektiert somit die paradoxe Natur der künstlerischen Schöpfung, bei der der Künstler einerseits der Welt entflieht, um andererseits seine Werke der Welt zu präsentieren. Die Struktur des Gedichts, bestehend aus zwei Quartetten und zwei Terzetten, folgt dem italienischen Sonett-Schema. Dies unterstreicht die sorgfältige Komposition und die tiefe Reflexion über die Natur der Dichtkunst. Schlegel nutzt die Form, um die Spannung zwischen der inneren Welt des Dichters und der äußeren Welt, der er seine Werke präsentieren muss, zu verdeutlichen.

Schlüsselwörter

welt ernst gern flieht geist kleinlichen gewühle albernheiten

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Stilmittel

Metapher
Was du gedichtet, um ihr zu entfliehen
Personifikation
Der Welt, wo Albernheiten ernsthaft thronen