An die deutschen Dichter
1840Seid stolz! es klingt kein Gold der Welt Wie eurer Saiten Gold; Es ist kein Fürst so hoch gestellt, Daß ihr ihm dienen sollt!
Trotz Erz und Marmor stürb er doch, Wenn ihr ihn sterben ließet; Der schönste Purpur ist annoch Das Blut, das ihr als Lied vergießet!
Der Ruhm der Herrscher wird verweht - Lobpreis ihn, wer da will! Man jagt und spornt ihn, doch er steht Mit ihrem Herzen still.
O laßt sie donnern fort und fort! An ihrem Grab verhallt es. Ihr Dichter, sprecht ein grollend Wort, Und zu dem ew′gen Gotte schallt es!
Es hat dem Vogel in dem Nest Der Himmel nie gewankt; Er dünkt die Mächtigen nur fest, Solang der Thron nicht schwankt!
Palast und Purpur hin und her, Ob Glanz sie überschütte - Seid stolz, seid stolz, ihr seid ja mehr; Seid ihr nicht Könige der Hütte?
Blitzt ewig nicht der Tau im Feld Gleich wie der Diamant? Ist nicht ob dieser ganzen Welt Ein Baldachin gespannt?
Wiegt nicht die Rebe, die hinauf An einem Strohdach gleitet, Den unfruchtbaren Efeu auf, Der sich um Zwingherrnburgen breitet?
Hoch, Sänger, schlage euer Herz, Wie Lerchen in der Luft! Es ruht sich besser allerwärts Als in der Fürstengruft.
Ein Liebchen, das die Treue bricht, Ist überall zu finden; Verschmähet mir die Ringe nicht, Doch laßt euch nie an Ketten binden!
Dem Volke nur seid zugetan, Jauchzt ihm voran zur Schlacht, Und liegt′s verwundet auf dem Plan, So pfleget sein und wacht!
Und so man ihm den letzten Rest Der Freiheit will verkümmern, So haltet nur am Schwerte fest Und laßt die Harfen uns zertrümmern!
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Interpretation
Das Gedicht "An die deutschen Dichter" von Georg Herwegh ist ein leidenschaftlicher Aufruf an die Dichter, ihre Unabhängigkeit und Würde zu bewahren. Herwegh betont, dass die Macht der Dichter in ihrer Fähigkeit liegt, durch ihre Worte zu beeinflussen und zu inspirieren, was wertvoller ist als materieller Reichtum. Er ruft die Dichter dazu auf, sich nicht den Mächtigen zu unterwerfen, sondern ihre Kunst als Mittel zur Kritik und zum Widerstand zu nutzen. Herwegh vergleicht die Dichter mit Königen, die in ihrer eigenen Recht herrschen, unabhängig von äußerem Glanz und Prunk. Er ermutigt sie, stolz auf ihre Rolle als Hüter der Wahrheit und der Freiheit zu sein. Das Gedicht betont die Beständigkeit der Natur und der menschlichen Seele im Gegensatz zur Vergänglichkeit von Macht und Reichtum. Die Dichter werden aufgefordert, ihre Stimmen zu erheben und ihre Kunst als Werkzeug für soziale und politische Veränderungen einzusetzen. Schließlich ruft Herwegh die Dichter dazu auf, dem Volk treu zu bleiben und es in Zeiten der Not zu unterstützen. Er fordert sie auf, bereit zu sein, für die Freiheit zu kämpfen und ihre Instrumente der Kunst zu zerstören, wenn es nötig ist, um die Unterdrückung zu beenden. Das Gedicht ist eine kraftvolle Erklärung der poetischen Autonomie und des sozialen Engagements, die die Dichter auffordert, ihre Rolle als Stimme des Volkes und als Kritiker der Macht anzunehmen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Der schönste Purpur ist annoch das Blut, das ihr als Lied vergießet
- Metapher
- Laßt die Harfen uns zertrümmern
- Personifikation
- Trotz Erz und Marmor stürb er doch