An die Chartenspieler

Anna Louisa Karsch

1764

Mischt immer eure Blätter, spielet Gedankenvoll, und hoffend fühlet Die Freuden des Gewinnes ganz; Mein Geist, zu stoisch und zu trocken, Ließ nie die Charten sich verlocken, Und hüpfte nie zu einem Tanz!

Zu steif den Fuß im Tact zu lenken, Zu roh, beym Spiele was zu denken, Blieb ich in beyden ungelehrt; Ich kenne nicht der Blätter Nahmen, Weiß nicht, was Buben sind und Damen, Weiß nichts vom Blatt, dem Sieg gehört.

Nur Bücher hab ich liebgewonnen, Darinn gelesen, nachgesonnen, Selbst eins gemacht, so schlecht es war! Nichts fragt ich da nach Spiel und Tänzen, Ich las, wodurch sich Helden cränzen, Und träumte Schlachten und Gefahr!

Ich ging, auf selbst gebauten Wällen, Ließ sich mein Volk in Ordnung stellen Und that, als wie ein General; Warf Schanzen auf, schoß Ziegelstücke, Zog schlechterdings mich nicht zurücke, Sprach laut wenn ich den Sturm befahl!

War eine Vestung eingenommen, Dann ließ ich meine Völker kommen Drang tiefer ein in Feindes Land, Marschirte listig hin und wieder Hieb viele tausend Feinde nieder, In allen Nesseln die ich fand.

Da lagen dann die kleinen Leichen, Gefällt von meinen starken Streichen, Bey tausenden gestreckt vor mir; Stolz dacht ich mich als Ueberwinder Ich war ein Kind, und wie die Kinder Thun gar zu oft im Alter wir!

O meine Phantasie ist heftig, Schon dazumahl war sie geschäftig, Als ich noch meine Heerde trieb; Itzt aber sieht sie andre Schlachten Denkt die, die sich unsterblich machten, Und den, der sich unsterblich schrieb!

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Illustration zu An die Chartenspieler

Interpretation

Das Gedicht "An die Chartenspieler" von Anna Louisa Karsch handelt von der Abgrenzung der Autorin gegenüber den Spielern von Kartenspielen. Karsch betont, dass ihr Geist zu ernst und zu nüchtern ist, um sich von den Karten verführen zu lassen und an einem Tanz teilzunehmen. Sie fühlt sich steif und unbeholfen beim Tanzen und hat keine Kenntnisse über die Namen der Karten oder die Regeln des Spiels. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt Karsch ihre Vorliebe für Bücher. Sie hat sie liebgewonnen, darin gelesen, nachgedacht und sogar selbst eines geschrieben, wenn auch schlecht. Sie interessierte sich nicht für Spiele und Tänze, sondern las darüber, wie sich Helden krönen, und träumte von Schlachten und Gefahren. Karsch stellt sich vor, wie sie auf selbstgebauten Wällen steht, ihr Volk in Ordnung bringt und wie ein General handelt. Sie wirft Schanzen auf, schießt Ziegelstücke und zieht sich nicht zurück, wenn sie den Sturm befiehlt. Im letzten Teil des Gedichts beschreibt Karsch ihre kindliche Phantasie, die schon damals geschäftig war, als sie ihre Herde trieb. Jetzt sieht sie andere Schlachten und denkt an diejenigen, die sich unsterblich machten und an denjenigen, der sich unsterblich schrieb. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass Kinder oft so handeln und dass wir im Alter oft ähnlich handeln wie Kinder.

Schlüsselwörter

ließ blätter nie weiß selbst schlachten unsterblich mischt

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Hieb viele tausend Feinde nieder
Metapher
Da lagen dann die kleinen Leichen
Personifikation
O meine Phantasie ist heftig