An die Böotier

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Wenn Ihr Gemälde beschautet, Böotier, dünkte Euch jemals, Daß im Apoll, im Mars, selbst sich der Maler gemalt? Wohl, so sagt mir, wie kommt es, daß Ihr vom Gedichte den Dichter Nimmer zu sondern vermögt, immer Beziehung und Zweck Sucht, wo der Genius sich aufschwingt in phantastischer Willkür, Wie ihn die Muse beherrscht, wie der Moment ihn ergreift? Soll ein Gebilde der Kunst sich zum heiteren Leben gestalten, Muß der entfesselte Geist frei sich bewegen und kühn. Darum beschaut und betrachtet, und les′t nicht befangen, ich bitt′ Euch, Wenn sich zum freieren Spiel regt die entbundene Kraft. Könnt Ihr denn nimmer begreifen, Böotier, daß nur der Kuckuk Einzig sich selber besingt, immer sich selber nur meint. Glaubt Ihr, in Stunden der Weihe, wo weit der Erd′ er entrückt ist, Näher der Himmel ihm scheint, denke der Dichter, besorgt, Bloß an das eitle Geschwätz von albernen Muhmen und Basen, Die mit der Zunge Gewalt schnellen den giftigen Pfeil? Hat Euch der Himmel den Geist so beengt und den Busen geschaffen, Daß Ihr den höheren Sinn nicht zu ergründen vermögt, Nicht die Accorde des Lebens begreift: o, Ihr Guten, so laßt doch Ungestört die Poesie, treibt Euch in Prosa umher! –

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Illustration zu An die Böotier

Interpretation

Das Gedicht "An die Böotier" von Joseph Christian von Zedlitz ist eine leidenschaftliche Verteidigung der künstlerischen Freiheit und eine Kritik an der engstirnigen Interpretation von Kunst. Der Dichter richtet sich an die Böotier, eine antike griechische Bevölkerungsgruppe, die für ihre angeblich begrenzte kulturelle Sensibilität bekannt war. In den ersten Strophen vergleicht Zedlitz die Malerei mit der Dichtkunst. Er fragt, ob die Böotier jemals bemerkt haben, dass sich der Maler selbst in seinen Werken wie Apoll oder Mars dargestellt hat. Dies dient als Einstieg in die Hauptthese des Gedichts: Die Unfähigkeit der Böotier, den Dichter vom Gedicht zu trennen und die Suche nach versteckten Bezügen und Zwecken in der Dichtkunst. Der Dichter argumentiert, dass der kreative Geist frei und ungebunden sein muss, um Kunst von wahrer Qualität zu schaffen. Er fordert die Böotier auf, die Werke nicht mit Vorurteilen zu betrachten, sondern die Freiheit und den Mut des entfesselten Geistes zu würdigen. Die Metapher des Kuckucks, der nur sich selbst besingt, unterstreicht die Idee der reinen, unverfälschten Kreativität. Zedlitz kritisiert die engstirnige Perspektive der Böotier, die nicht in der Lage sind, den höheren Sinn der Kunst zu erfassen. Er deutet an, dass diese Menschen sich auf banale Themen wie Klatsch und Neid konzentrieren, anstatt die tieferen Bedeutungen der Poesie zu verstehen. Der Dichter schließt mit einem Appell an die Böotier, die Poesie in Ruhe zu lassen und sich stattdessen der Prosa zu widmen, wenn sie die höhere Kunst nicht zu schätzen wissen.

Schlüsselwörter

böotier dichter nimmer vermögt geist selber himmel gemälde

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Stilmittel

Bildsprache
wo weit der Erd′ er entrückt ist, Näher der Himmel ihm scheint
Metapher
Accorde des Lebens begreift
Rhetorische Frage
o, Ihr Guten, so laßt doch Ungestört die Poesie, treibt Euch in Prosa umher!
Vergleich
daß nur der Kuckuk Einzig sich selber besingt, immer sich selber nur meint