An die Berge von Latium

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Könnt′ ich mit Worten, könnt′ ich mit Thaten auch, Die euer würdig, zeigen, wie dieses Herz Euch liebt, ihr ewig theuren Berge, Blumige Kette vom Fuß des Cavo,

Bis wo ihr sanft liebäugelt mit finsterern Sabinernachbarn über die Thäler weg, Mit euren lind geschwungnen Hügeln, Heimath des Frühlings, des nie verblüh′nden!

Wenn ich so still und doch so der Schmerzen voll Um Roma′s Mauern wandle, wenn mich der Drang Ins weite warme Feld hinaustreibt, Wo mir der Spuren von alter Größe

So viel begegnet; wenn ich der Appia Vermorschte Römergräber durchwandere, Wenn ich die Königin von Janus Seligen Hainen mit Einem Blicke

Frei überschau′, wie lächelt ihr da mir zu, Und lockt mich an, als wäret ihr Mutter mir, Als hätt′ ich mich aus eurem Schooße Noch als ein Kind in die Welt verloren.

Seit eure kühlungschattenden Wälder mich In ihre Fülle nahmen, und eure Stirn, Die weinbekränzte, so unendlich Mir das tyrrhenische Meer entfaltet,

Seit in dreitausendjährigen Städten dort In wilden Massen süßer Gebüsch′, im Duft Der Veilchen ich die schöne Last des Maulthiers, die reizenden Frauen, zieh′n sah,

Seitdem verwehte jede Erinnerung An andre Berg′, ihr seid mir so heiß geliebt, Daß ich mich selbst vom Capitole Frevelnd in euer Elysium sehne.

Was ihr auch bergt an eurer Dianenbrust, Holdsel′ge Gärten schöpfrischer Fruchtbarkeit, Was ihr in Thälern, Höh′n und Ufern Himmlisches hegt, vor dem Auge steht mir′s

Endlos. Vor allem du, mein Albano, bist Dem sanft verjüngten Herzen die schöne Welt, Die es verlor, bist seine Kindheit, Bist dem Verlassenen die Geliebte.

O klare Augen ihr meines Latiums, Du See von Nemi, du mein Albanersee, Wie lauter strahlet eure Seele Sehnsucht und Liebe zu eurem Himmel!

Jungfräulich hat die Mutter Natur euch schon Bekränzt mit nie verwelkendem Blüthenreiz, Die Dichter der Natur, die frohen Vögel, sie jubeln schon euer Brautlied.

Und du Ariccia, Tochter Siculia′s, Die du dein wollustschmachtendes Angesicht Mit deiner Haine Zaubernacht der Glühenden Sonne verschämt bedeckest!

Du Stadt der Cynthia, himmlisch umwaldete Genzano, wo dem Wand′rer zum erstenmal An grüner Berge Schattenwand der Spiegel Dianens emporgeduftet!

Du Nemi, wo der taurischen Artemis In Latiums Vorzeit dunkel ein Hain geblüht, Du uralt heilig Kind von Troja, Stadt der Lavinia, wo das Auge

Hinüberschweift zum bläulichen Vorgebirg Der Circe, wo in schaudernder Seele mir, Gleich einem Traumgesicht, des Meeres Abgrund homerische Welt entstiegen,

Und du, Gandolfo, Grotta ferrata du Mit deines Klosters sinniger Einsamkeit, Du Adlernest am Felsen hängend, Rocca di Papa mit deinen Wundern,

Ihr alle Frascatanische Gärten, wo Das Aug′ aus überschwellender Ueppigkeit, Aus Tusculums erhab′nen Trümmern Trunken hinüber zum sonn′gen Rom blickt,

Das, einer Milchstraß′ ähnlich, die farbige Campagna hin sich lagert voll Majestät, So groß und ewig, wie das Meer, das Drüber die schattige Erd′ umarmet.

Ihr lebt in meinem Herzen, und wenn ihr mich Dereinst gelehrt, unsterblich zu sein, o dann Lebt ihr unendlich drin, dann nehm′ ich Selbst zu den Himmlischen euch hinüber.

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Illustration zu An die Berge von Latium

Interpretation

Das Gedicht "An die Berge von Latium" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Ode an die Landschaft um Rom, die Latium-Berge. Der Sprecher drückt seine tiefe Liebe und Sehnsucht nach diesen Bergen aus, die er als ewig und unvergänglich empfindet. Er beschreibt, wie er durch die Ruinen und Gräber Roms wandert und dabei an die Größe der Vergangenheit denkt. Die Berge erscheinen ihm wie eine Mutter, die ihn aufnimmt und ihm Trost spendet. Die zweite Strophe beschreibt die Schönheit der Landschaft im Detail. Der Sprecher nennt verschiedene Orte wie Albano, Nemi, Ariccia, Genzano und Frascati, die alle Teil der Latium-Berge sind. Er lobt die üppige Vegetation, die klaren Seen und die malerischen Dörfer. Die Natur wird als jungfräulich und von den Dichtern der Natur, den Vögeln, besungen dargestellt. In der dritten Strophe setzt sich die Lobpreisung der Landschaft fort. Der Sprecher erwähnt die mythische Vergangenheit der Berge, die mit Diana, Artemis und der Göttin Circe in Verbindung gebracht werden. Er beschreibt die Aussicht von den Bergen auf das Meer und die Campagna, die er mit einer Milchstraße vergleicht. Das Gedicht endet mit dem Versprechen, dass die Berge im Herzen des Sprechers weiterleben werden, auch wenn er stirbt. Sie werden ihm Unsterblichkeit verleihen und ihn zu den Himmlischen hinübernehmen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Heimath des Frühlings, des nie verblüh′nden
Anapher
Du Nemi, wo der taurischen Artemis In Latiums Vorzeit dunkel ein Hain geblüht, Du uralt heilig Kind von Troja
Bildsprache
Wo mir der Spuren von alter Größe So viel begegnet
Enjambement
Könnt ich mit Worten, könnt ich mit Thaten auch, Die euer würdig, zeigen, wie dieses Herz Euch liebt, ihr ewig theure Berge
Hyperbel
Seitdem verwehte jede Erinnerung An andre Berg′, ihr seid mir so heiß geliebt
Metapher
Könnt ich mit Worten, könnt ich mit Thaten auch, Die euer würdig, zeigen, wie dieses Herz Euch liebt, ihr ewig theure Berge
Personifikation
Mit euren lind geschwungnen Hügeln, Heimath des Frühlings, des nie verblüh′nden
Symbolik
O klare Augen ihr meines Latiums, Du See von Nemi, du mein Albanersee
Vergleich
Das, einer Milchstraß′ ähnlich, die farbige Campagna hin sich lagert voll Majestät
Übertreibung
Daß ich mich selbst vom Capitole Frevelnd in euer Elysium sehne