An Deutschland

Paul Fleming

1640

Ja, Mutter, es ist wahr: ich habe diese Zeit, Die Jugend, mehr als faul und übel angewendet. Ich hab es nicht getan, wie ich mich dir verpfändet. So lange bin ich aus, und denke noch so weit.

Ach, Mutter, zürne nicht; es ist mir mehr als leid, Der Vorwitz, dieser Mut, hat mich zu sehr verblendet. Nun hab ich allzuweit von dir, Trost, abgeländet Und kann es ändern nicht, wie hoch es mich auch reut.

Ich bin ein schwaches Boot, ans große Schiff gehangen, Muß folgen, wie und wenn und wo man denkt hinaus. Ich will gleich oder nicht. Es wird nichts anders draus.

Indessen meine nicht, o du mein schwer Verlangen, Ich denke nicht auf dich und was mir Frommen bringt. Der wohnet überall, der nach der Tugend ringt.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An Deutschland

Interpretation

Das Gedicht "An Deutschland" von Paul Fleming ist eine lyrische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und dem Verhältnis zur Heimat. Der Sprecher bekennt sich zu einem unproduktiven und schädlichen Umgang mit seiner Jugend, der im Gegensatz zu den Erwartungen seiner "Mutter" steht. Diese Metapher deutet auf eine tiefe Verbundenheit und Verantwortung gegenüber der Heimat hin. Der Sprecher drückt Reue aus und bittet um Vergebung, da er zu weit von seiner "Mutter" entfernt ist und die Konsequenzen seines Handelns nicht mehr ändern kann. In der zweiten Strophe verwendet der Sprecher das Bild eines schwachen Bootes, das an ein großes Schiff gehängt ist, um seine eigene Abhängigkeit und Hilflosigkeit zu beschreiben. Er fühlt sich gezwungen, dem Schiff zu folgen, unabhängig von seinem eigenen Willen. Dieses Bild symbolisiert die Unausweichlichkeit des Schicksals und die Begrenztheit der eigenen Handlungsfreiheit. Der Sprecher akzeptiert sein Schicksal und erkennt, dass es keine Alternative zu seiner Situation gibt. In der letzten Strophe betont der Sprecher, dass er trotz seiner physischen Entfernung nicht an seine "Mutter" denkt oder was ihr nützen könnte. Stattdessen strebt er nach Tugend und ist bereit, überall zu leben, wo er sie finden kann. Dies zeigt eine gewisse Entfremdung von der Heimat, aber auch eine innere Suche nach moralischer Integrität. Das Gedicht endet mit einer ambivalenten Haltung: Einerseits gibt es ein Gefühl der Schuld und der Sehnsucht nach der Heimat, andererseits eine Entschlossenheit, seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn er von der erwarteten Norm abweicht.

Schlüsselwörter

mutter mehr hab denke wahr habe zeit jugend

Wortwolke

Wortwolke zu An Deutschland

Stilmittel

Anrede
Ja, Mutter, es ist wahr
Bildsprache
Ach, Mutter, zürne nicht; es ist mir mehr als leid
Hyperbel
So lange bin ich aus, und denke noch so weit
Kontrast
Ich will gleich oder nicht. Es wird nichts anders draus
Metapher
Ich bin ein schwaches Boot, ans große Schiff gehangen
Personifikation
Der wohnet überall, der nach der Tugend ringt