An der Straßenecke

Jakob Loewenberg

1856

An der Straßenecke, in der Häuser Gedränge, in der Großstadt wogender Menschenmenge, inmitten von Wagen, Karren, Karossen ist heimlich ein Märchenwald entsprossen, von leisem Glockenklingen durchhallt: von Weihnachtsbäumen ein Tannenwald. Da hält ein Wagen, ein Diener steigt aus und nimmt den größten Baum mit nach Haus. Ein Mütterchen kommt, und prüft und wegt, bis endlich den rechten sie heimwärts trägt. Verloren zur Seite ein Stämmchen stand, das fasste des Werkmanns ruhige Hand. So sah ich einen Baum nach den andern in Schloss und Haus und Hütte wandern, und schimmernd zog mit jedem Baum ein duftiger, glänzender Märchentraum. – Frohschaukelnd auf der Zweige Spitzen schneeweißgeflügelte Englein sitzen. Die einen spielen auf Zinken und Flöten, die andern blasen die kleinen Trompeten, die wiegen Puppen, die tragen Konfekt, die haben Bleisoldaten versteckt, die schieben Puppentheaterkulissen, die werfen sich mit goldenen Nüssen, und ganz zuhöchst, in der Hand einen Kringel, steht triumphierend ein pausbackiger Schlingel. Da tönt ein Singen, ein Weihnachtsreigen – verschwunden sind alle zwischen den Zweigen. Am Tannenbaum hängt, was in Händen sie trugen. Ein Jubelschrei schallt; und von unten lugen mit Äuglein, hell wie Weihnachtslichter, glückselig lachende Kindergesichter.

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Illustration zu An der Straßenecke

Interpretation

Das Gedicht "An der Straßenecke" von Jakob Loewenberg beschreibt die festliche Stimmung und den Zauber der Weihnachtszeit in der Stadt. Es beginnt mit einer Szene an einer Straßenecke, wo sich inmitten des geschäftigen Treibens der Großstadt heimlich ein "Märchenwald" aus Weihnachtsbäumen entfaltet. Die Bäume werden von verschiedenen Menschen ausgewählt und mit nach Hause genommen, was die Vorfreude und Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest symbolisiert. In der zweiten Strophe malt Loewenberg ein lebhaftes Bild von Engeln, die auf den Zweigen der Bäume sitzen und spielen. Sie blasen Trompeten, spielen auf Flöten, wiegen Puppen und tragen Konfekt. Diese Szene vermittelt die Freude und das Spielerische des Weihnachtsfestes, das Kinderherzen höher schlagen lässt. Die Engel und ihre Aktivitäten sind Metaphern für die Geschenke und die festliche Dekoration, die die Bäume schmücken. Das Gedicht endet mit dem Bild eines Kindes, das voller Glück und Vorfreude auf das Weihnachtsfest nach den Engeln und Geschenken an den Bäumen sucht. Die "glückselig lachenden Kindergesichter" und die "hellen Äuglein, hell wie Weihnachtslichter" symbolisieren die Freude und das Staunen, das die Weihnachtszeit in die Herzen der Kinder bringt. Loewenberg vermittelt so die Magie und den Zauber von Weihnachten, der die Herzen der Menschen erwärmt und die Welt in ein festliches Licht taucht.

Schlüsselwörter

baum wagen haus hand andern straßenecke häuser gedränge

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Stilmittel

Alliteration
Wagen, Karren, Karossen
Bildsprache
heimlich ein Märchenwald entsprossen
Enjambement
Da hält ein Wagen, ein Diener steigt aus und nimmt den größten Baum mit nach Haus.
Hyperbel
schneeweißgeflügelte Englein
Kontrast
Schloss und Haus und Hütte
Metapher
in der Häuser Gedränge
Personifikation
in der Großstadt wogender Menschenmenge
Rhythmus
Frohschaukelnd auf der Zweige Spitzen
Symbolik
Weihnachtsbäume ein Tannenwald