An Denselben

Anna Louisa Karsch

1722

Milon, gestern war ich selig, Wie ein Sonnenbürger ist: Ach mein Auge hat unzählig Diese Stirne sanft geküßt, Die der Mahler kaum so göttlich Mahlen wird, als du sie hast. Mache mir doch künftig spöttlich Nicht die Tage mehr zur Last - O was hab ich ausgestanden, Als Zemire ward gespielt, Und mich deine Blicke fanden, Und ich nicht den Trost erhielt, Daß du in der Nähe bliebest. Sage mir, warum du so Meiner Seele Kummer liebest? Sprich, warum dein Fuß entfloh, Daß ich deiner vollen Schläfe Feine Locken nicht mehr sah? Denke nur, wie mir geschah, Fast als ob ein Blitz mich träfe, Weinen wollt ich eine Fluth, Durfte nicht und mussts ersticken. Schmerz durchflammete mein Blut, Wehmut saß in meinen Blicken, Bis Zemirens Rose kam, Und ich meine Rosen dachte, Und der gar zu schwere Gram Sich durch Thränen leichter machte.

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Illustration zu An Denselben

Interpretation

Das Gedicht "An Denselben" von Anna Louisa Karsch beschreibt die tiefe emotionale Abhängigkeit und Sehnsucht der lyrischen Ich-Figur nach einer Person namens Milon. Der erste Teil des Gedichts schildert einen Moment des Glücks, in dem das Ich Milons Stirn geküsst und seine göttliche Schönheit bewundert hat. Die Sprache ist geprägt von sinnlichen Bildern und einer fast religiösen Verehrung. Im zweiten Teil des Gedichts äußert das Ich seinen Kummer und seine Verzweiflung darüber, dass Milon nicht in seiner Nähe geblieben ist. Es fragt nach den Gründen für Milons Abwesenheit und klagt über die seelischen Qualen, die es dadurch erlitten hat. Die Metapher des Blitzes verdeutlicht die plötzliche und schmerzhafte Wirkung von Milons Verschwinden. Im letzten Teil des Gedichts findet das Ich einen gewissen Trost in der Vorstellung von Rosen, die sowohl Zemirens als auch seine eigenen sind. Die Tränen, die es vergießt, helfen ihm, den schweren Kummer zu erleichtern. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Resignation und der Erkenntnis, dass die Liebe, auch wenn sie schmerzhaft ist, ein Teil des Lebens ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Milon, gestern war ich selig
Anapher
Und mich deine Blicke fanden, Und ich nicht den Trost erhielt
Hyperbel
Weinen wollt ich eine Fluth
Metapher
Wie ein Sonnenbürger ist
Personifikation
Wehmut saß in meinen Blicken
Vergleich
Fast als ob ein Blitz mich träfe