An den Wasserfall
1762Ist das der Ort, wo sonst Entzyken Im sanften Schatten auf mich kam? Bist du es, Fels! wo aus den Stræuchen Die Quelle hoch herunterstyrzt?
Da wo sonst deine klare Quelle Auf Schaum und Moos herab sich styrzt, Da blinkt von Eis izt eine Sæule Vom unterhoelten Fels herab.
Wie oed, wie nakt sind die Gestræuche, Wo sonst im dunkeln Laub-Gewoelb Die Zephir mit den Blythen spielten, Und mit dem sanft-bewegten Laub,
Daß schnell-verschwundne Sonnen-Stralen Auf Wellen, Schaum und weichem Moos, Wie Lichter durch den Schatten blizten, Wie oed, wie nakt hængt ihr herab!
Doch bald, bald koemmt der Fryhling wieder, Hængt yber dich ein frisch Gewoelb, Und oefnet die verschloßne Quelle, Daß Kyhlung mit den Wellen fließt.
O dann nihm mich in deine Schatten, Wo keine bange Sorg mich findt, Du Wasser-Fall und du Gebysche, Du Lager von dem weichsten Moos!
Dann koemmt vom Thal und von den Hygeln, Vom dunkeln Wald und von der Flur, Mir koemmt von jeder Fryhlings-Blume Ein froh Entzyken in die Brust.
Und, koennt’ ich einen Fyrst beneiden, Wenn neben mir im kalten Bach Die Wellen mit der Flasche spielen, Von altem Wein hoch aufgefyllt,
Und wenn in deinem kyhlen Schatten Mir oft ein frohes Lied gelingt, Das noch mit Unschuld-voller Freude Des spæten Enkels Brust erfyllt?
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Interpretation
Das Gedicht "An den Wasserfall" von Salomon Gessner beschreibt die Verwandlung eines Ortes durch die Jahreszeiten und die damit verbundenen Gefühle des lyrischen Ichs. Der Dichter besucht einen Wasserfall, der in seiner gewohnten üppigen und lebendigen Form nicht mehr existiert. Die Quelle, die einst klar und sprudelnd war, ist nun zu einer eisigen Säule erstarrt, und die einst dichten Sträucher hängen kahl und öde herab. Diese Veränderung spiegelt den Einfluss des Winters wider, der die Landschaft in eine stille, fast traurige Stimmung taucht. Doch das Gedicht vermittelt auch Hoffnung und Erwartung. Der Dichter erwartet den Frühling, der den Wasserfall und seine Umgebung wieder zum Leben erwecken wird. Mit dem Frühling kommen die üppigen Schatten, das plätschernde Wasser und die erfrischende Kühle zurück. Der Dichter sehnt sich danach, in diese erfrischende Umgebung zurückzukehren, um dort unbeschwerte Momente zu genießen und von der Natur inspirierte Freude zu empfinden. Der Wasserfall wird zu einem Symbol für Erneuerung und die Rückkehr des Lebens. Im letzten Teil des Gedichts malt Gessner ein idyllisches Bild von der erhofften Zukunft am Wasserfall. Er stellt sich vor, wie er dort mit einem Glas Wein in der Hand sitzt, umgeben von der kühlen Schatten spendenden Vegetation, und ein Lied anstimmt, das von Unschuld und Freude erfüllt ist. Dieses Lied, das die Brust des Enkels erfüllt, symbolisiert die Weitergabe von Glück und Zufriedenheit über Generationen hinweg. Das Gedicht endet mit der Vorstellung eines perfekten, sorgenfreien Moments, den der Dichter am Wasserfall erleben möchte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Da blinkt von Eis izt eine Sæule
- Anapher
- Wie oed, wie nakt sind die Gestræuche
- Apostrophe
- Du Wasser-Fall und du Gebysche, Du Lager von dem weichsten Moos!
- Enjambement
- Ist das der Ort, wo sonst Entzyken Im sanften Schatten auf mich kam? Bist du es, Fels! wo aus den Stræuchen Die Quelle hoch herunterstyrzt?
- Hyperbel
- Wo keine bange Sorg mich findt
- Kontrast
- Ist das der Ort, wo sonst Entzyken Im sanften Schatten auf mich kam?
- Metapher
- Da wo sonst deine klare Quelle Auf Schaum und Moos herab sich styrzt, Da blinkt von Eis izt eine Sæule Vom unterhoelten Fels herab.
- Personifikation
- Die Zephir mit den Blythen spielten, Und mit dem sanft-bewegten Laub
- Symbolik
- Und, koennt’ ich einen Fyrst beneiden, Wenn neben mir im kalten Bach Die Wellen mit der Flasche spielen, Von altem Wein hoch aufgefyllt
- Vergleich
- Wie Lichter durch den Schatten blizten