An den Vater
1932Ganz früh: Du tauchtest Dampf der morgendlichen Gärten In meine Seele. Der blauen Sichel des Mondes Namen gabst du, verwandt. Es reihten die Tiere Dir sich gehorsam, Zauberer, der du die Blumen Fremd im Abend beschworst zwischen Farrnkraut und Steinen. Mich auch einmal. Und gehst mir weiter die fremden Wege wie damals voran. Weißt schon den weißen Schimmer des Haars. So reichst du, das Endliche kennend Immer zuerst, den Tod wie damals den Tau, wie die Blumen. Aber die Liebe verfließt, ein dunkles Gewässer Ferne unendlich von Jedem einsam befahren. Spülte mir niemals zur Seite, der dich trägt, den Nachen, Hilfe verheißend. Es reichte mein Schrei Nicht ins Land dir der Nacht: versink ich, erstrahlst du, Tröstlich vielleicht, ein Letztes, verwandelt, als Stern.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "An den Vater" von Maria Luise Weissmann beschreibt die tiefe Verbindung und den Einfluss des Vaters auf die Seele der Sprecherin. Schon in frühen Morgenstunden tauchte der Vater die Seele der Sprecherin in den Dampf der Gärten und gab den Tieren Namen, als wären sie verwandt. Er war ein Zauberer, der die Blumen zwischen Farnkraut und Steinen beschwor und auch die Sprecherin einmal in seinen Bann zog. Der Vater geht ihr weiterhin auf fremden Wegen voran, als ob er bereits den weißen Schimmer ihres Haares kennt. Er reicht ihr den Tod wie damals den Tau und die Blumen, als ob er das Endliche kennt. Die Liebe zwischen Vater und Tochter verfließt jedoch wie ein dunkles Gewässer, das einsam und unendlich von jedem befahren wird. Die Sprecherin spürt keine Hilfe oder Unterstützung von ihrem Vater, der sie trägt. Ihr Schrei erreicht nicht das Land der Nacht, in dem der Vater versinkt. Doch wenn sie versinkt, erstrahlt er vielleicht als Stern, tröstlich und verwandelt. Das Gedicht vermittelt eine ambivalente Beziehung zwischen Vater und Tochter. Einerseits wird der Vater als magische und einflussreiche Figur dargestellt, die die Seele der Sprecherin berührt und ihr den Tod wie damals den Tau reicht. Andererseits wird die Liebe zwischen ihnen als flüchtig und einsam beschrieben, ohne dass der Vater der Sprecherin die ersehnte Hilfe oder Unterstützung bietet. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass der Vater als Stern erstrahlt und Trost spendet, wenn die Sprecherin versinkt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- verwandt. Es reihten die Tiere
- Bildsprache
- Hilfe verheißend
- Hyperbel
- Es reichte mein Schrei Nicht ins Land dir der Nacht
- Metapher
- erstrahlst du, Tröstlich vielleicht, ein Letztes, verwandelt, als Stern
- Personifikation
- Der blauen Sichel des Mondes Namen gabst du
- Symbolik
- der Tod wie damals den Tau, wie die Blumen