An den Schlaf

Adolf Friedrich Graf von Schack

1815

Müd′ ist mein Auge; doch noch immer lärmen Vor meinem Ohre wüste Lebensklänge; Noch immer seh′ ich bunte Bilder schwärmen, Gleich Wolken, die in farbigem Gepränge Das Abendrot, das schimmernde, umwallen; Wann flieht das rastlos flutende Gedränge? Wann wird die laute Wirklichkeit verhallen?

Was säumst du, liebstes von den Zwillingskindern Der heil′gen Nacht? Mit deinen Silberschwingen Umfächle mich, der Stirne Glut zu lindern! Komm, deine Wiegenlieder mir zu singen, Süß, wie die Mutter einst sie sang dem Sohne, Und mir im goldnen Kelch die Flut zu bringen, Die traumreich quillt aus dem geweihten Mohne!

O aus der Fülle ihres Zauberschoßes Gab dir die Nacht die besten ihrer Schätze! Dein, wunderbar Knabe, ist ein großes Endloses Land voll weicher Ruheplätze, Voll sanfter Hügelschwellungen und Auen, Zu denen durch die grünen Blätternetze Die Mondenstrahlen dämmernd niedertauen.

Ja, Villen hast du neben blauen Seen Und Gärten, wo an schattenreichen Gängen In laub′gen Nischen Marmorbilder stehen, Wo goldne Früchte von den Aesten hängen, Und Duft und Sang und plätschernde Kaskaden, Die weithin ihre Silbertropfen sprengen, Die Liebenden zu Sommerträumen laden.

O, dein sind goldne Dome, Kuppeldächer Und Felsenburgen über blüh′nden Thalen, Und festgeschmückte, luftige Gemächer, Wo nie die Lust in funkelnden Pokalen Versiegt im Kreis der Damen und der Ritter, Und noch das Minnelied der Provençalen Sich schaukelt auf der wohlgestimmten Zither.

Was preis′ ich noch? Die waldbekränzten Schluchten, Durchklungen vom Gesang der Nachtigallen? Die frischen Halden an den Meeresbuchten, Die sanft dem Wogenschlage wiederhallen? Die Grotten, die, durchrauscht von Murmelbächen, An Tropfstein und an hangenden Krystallen Den Tagesstrahl zu ew′gem Zwielicht brechen?

Das all ist dein und mehr - endlose Minen, Von Geistern überwachte Wunderhorte, An Demant reich und funkelnden Rubinen, Im Erdenschacht - - doch schwach sind meine Worte, Die Wimper sinkt, die grellen Strahlen bleichen; Dank, schöner Knabe! Offen steht die Pforte, Schon geh′ ich ein zu deinen Wonnereichen.

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Illustration zu An den Schlaf

Interpretation

Das Gedicht "An den Schlaf" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist ein Loblied auf den Schlaf und seine wohltuenden Wirkungen. Der Sprecher beschreibt die Müdigkeit seiner Augen und die unaufhörlichen Geräusche und Bilder des Lebens, die ihn umgeben. Er sehnt sich danach, dass die laute Realität verstummt und der Schlaf ihn in seinen Bann zieht. Der Sprecher bittet den Schlaf, der als eines der "Zwillingskinder der heiligen Nacht" bezeichnet wird, ihn mit seinen "Silberschwingen" zu umfächeln und die Glut seiner Stirn zu lindern. Er wünscht sich, dass der Schlaf ihm Wiegenlieder singt, wie einst seine Mutter, und ihm den "goldnen Kelch" mit dem "traumreich quellenden" Schlaf aus dem "geweihten Mohne" bringt. Der Sprecher preist die wundersame Welt des Schlafs, die ihm die Nacht aus ihrem "Zauberschoß" geschenkt hat. Er beschreibt ein "endloses Land voll weicher Ruheplätze" mit sanften Hügeln und Auen, Villen an blauen Seen, Gärten mit Marmorbildern und goldenen Früchten, goldene Dome und Felsenburgen über blühenden Tälern. Die Welt des Schlafs ist voller Lust, Minnelieder und sommerlicher Träume. Der Sprecher erwähnt auch die waldbekränzten Schluchten, die von Nachtigallen gesungen werden, die frischen Halden an Meeresbuchten und die Grotten mit Tropfsteinen und Kristallen. Er erkennt an, dass der Schlaf noch viel mehr zu bieten hat, einschließlich "endloser Minen" voller Wunder und Schätze wie Diamanten und Rubine. Am Ende des Gedichts sinken die Augenlider des Sprechers, und er dankt dem Schlaf, der ihm die Pforte zu seinen "Wonnereichen" öffnet, während er selbst in den Schlaf hinübergleitet.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Villen hast du neben blauen Seen Und Gärten, wo an schattenreichen Gängen In laub'gen Nischen Marmorbilder stehen
Enjambement
Noch immer seh' ich bunte Bilder schwärmen, Gleich Wolken, die in farbigem Gepränge Das Abendrot, das schimmernde, umwallen
Hyperbel
Dein, wunderbar Knabe, ist ein großes Endloses Land voll weicher Ruheplätze
Personifikation
Müd' ist mein Auge; doch noch immer lärmen Vor meinem Ohre wüste Lebensklänge
Symbolik
Komm, deine Wiegenlieder mir zu singen, Süß, wie die Mutter einst sie sang dem Sohne