An den Schlaf

Friedrich von Hagedorn

1708

Gott der Träume! Freund der Nacht! Stifter sanfter Freuden! Der den Schäfer glücklich macht, Wann ihn Fürsten neiden! Holder Morpheus! säume nicht, Wann die Ruhe mir gebricht, Aug′ und Herz zu weiden.

Wann ein Eh′mann, voll Verdacht, Seine Gattin quälet, Und aus Eifersucht bei Nacht Ihre Seufzer zählet, Mach′ im Schlaf sein Unglück wahr; Zeig′ ihm träumend die Gefahr, Die ihm wachend fehlet!

Nimm auch jetzt was dir gehört; Nur erlaub′ ein Flehen: Warte bis mein Glas geleert! Wohl! es ist geschehen! Komm nunmehr! O komme bald! Eil′ und laß mich die Gestalt Meiner Phyllis sehen!

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Interpretation

Das Gedicht "An den Schlaf" von Friedrich von Hagedorn ist eine Ode an den Schlaf, der als göttliche Entität verehrt wird. Der Sprecher wendet sich an den Gott der Träume und den Freund der Nacht, der sanfte Freuden stiftet und den Schäfer glücklich macht, selbst wenn Fürsten ihn beneiden. Der Schlaf, auch als "Holder Morpheus" bezeichnet, wird als eine tröstliche Präsenz dargestellt, die dem Sprecher in Zeiten der Ruhelosigkeit Trost spendet und seine Augen und sein Herz nährt. In der zweiten Strophe wird ein Szenario beschrieben, in dem ein ehrgeiziger Mann, voller Verdacht, seine Gattin in der Nacht wegen Eifersucht quält und ihre Seufzer zählt. Der Schlaf wird aufgefordert, diesem Mann sein Unglück im Traum zu zeigen und ihm die Gefahr zu offenbaren, die ihm im Wachzustand verborgen bleibt. Hier wird der Schlaf als eine Art moralische Instanz dargestellt, die Gerechtigkeit üben kann, indem sie den Eifersüchtigen mit seinen Ängsten konfrontiert. In der letzten Strophe bittet der Sprecher den Schlaf, zu kommen, nachdem er sein Glas geleert hat, was auf eine vorherige Trinkzeremonie hindeutet. Er fleht den Schlaf an, schnell zu kommen und ihm die Gestalt seiner Geliebten Phyllis zu zeigen. Der Schlaf wird als ein willkommener Gast dargestellt, der dem Sprecher die Möglichkeit gibt, seine Geliebte in seinen Träumen zu sehen und so eine Art Ersatz für die physische Anwesenheit zu bieten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Wann ein Eh′mann, voll Verdacht, / Seine Gattin quälet, / Und aus Eifersucht bei Nacht / Ihre Seufzer zählet
Apostrophe
Gott der Träume! Freund der Nacht!
Hyperbel
Der den Schäfer glücklich macht, / Wann ihn Fürsten neiden
Personifikation
Stifter sanfter Freuden
Symbol
Phyllis