An den Mistral

Friedrich Nietzsche

1882

Mistral-Wind, du Wolken-Jäger, Trübsal-Mörder, Himmels-Feger, Brausender, wie lieb ich dich! Sind wir zwei nicht Eines Schoßes Erstlingsgabe, Eines Loses Vorbestimmte ewiglich?

Hier auf glatten Felsenwegen Lauf ich tanzend dir entgegen, Tanzend, wie du pfeifst und singst: Der du ohne Schiff und Ruder Als der Freiheit freister Bruder Über wilde Meere springst.

Kaum erwacht, hört ich dein Rufen, Stürmte zu den Felsenstufen, Hin zur gelben Wand am Meer. Heil! da kamst du schon gleich hellen Diamantnen Stromesschnellen Sieghaft von den Bergen her.

Auf den ebnen Himmels-Tennen Sah ich deine Rosse rennen, Sah den Wagen, der dich trägt, Sah die Hand dir selber zücken, Wenn sie auf der Rosse Rücken Blitzesgleich die Geißel schlägt, -

Sah dich aus dem Wagen springen, Schneller dich hinabzuschwingen, Sah dich wie zum Pfeil verkürzt Senkrecht in die Tiefe stoßen, - Wie ein Goldstrahl durch die Rosen Erster Morgenröten stürzt.

Tanze nun auf tausend Rücken, Wellen-Rücken, Wellen-Tücken - Heil, wer neue Tänze schafft! Tanzen wir in tausend Weisen. Frei - sei unsre Kunst geheißen, Fröhlich - unsre Wissenschaft!

Raffen wir von jeder Blume Eine Blüte uns zum Ruhme Und zwei Blätter noch zum Kranz! Tanzen wir gleich Troubadouren Zwischen Heiligen und Huren, Zwischen Gott und Welt den Tanz!

Wer nicht tanzen kann mit Winden, Wer sich wickeln muß mit Binden, Angebunden, Krüppel-Greis, Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen, Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen, Fort aus unsrem Paradeis!

Wirbeln wir den Staub der Straßen Allen Kranken in die Nasen, Scheuchen wir die Kranken-Brut! Lösen wir die ganze Küste Von dem Odem dürrer Brüste, Von den Augen ohne Mut!

Jagen wir die Himmels-Trüber, Welten-Schwärzer, Wolken-Schieber, Hellen wir das Himmelreich! Brausen wir … o aller freien Geister Geist, mit dir zu zweien Braust mein Glück dem Sturme gleich. -

- Und daß ewig das Gedächtnis Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis, Nimm den Kranz hier mit hinauf! Wirf ihn höher, ferner, weiter, Stürm empor die Himmelsleiter, Häng ihn - an den Sternen auf!

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Illustration zu An den Mistral

Interpretation

Das Gedicht "An den Mistral" von Friedrich Nietzsche ist eine Ode an den Mistralwind, der als Symbol für Freiheit, Kraft und Lebendigkeit steht. Nietzsche personifiziert den Wind und beschreibt ihn als einen wilden, ungebändigten Geist, der die Tristesse vertreibt und das Leben belebt. Der Dichter fühlt sich dem Wind verbunden, als ob sie aus demselben Schoß kämen und ein gemeinsames Schicksal teilen. Das Gedicht zeichnet ein lebendiges Bild des Mistralwinds, der über das Meer springt und Berge erklimmt. Nietzsche beschreibt den Wind als einen Tänzer, der auf tausend Rücken tanzt und neue Tänze schafft. Dies symbolisiert die Freiheit und die Freude am Leben, die der Wind mit sich bringt. Der Dichter fordert dazu auf, diese Freiheit zu umarmen und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Nietzsche kontrastiert den freien, lebhaften Wind mit den "Krüppel-Greis", den Menschen, die sich von Zwängen und Konventionen gebunden fühlen. Er fordert dazu auf, diese Menschen zu vertreiben und eine Welt zu schaffen, in der Freiheit und Lebendigkeit herrschen. Das Gedicht endet mit einem Aufruf, den Kranz des Glücks an die Sterne zu hängen, was als Symbol für die ewige Natur der Freiheit und des Lebens interpretiert werden kann.

Schlüsselwörter

sah himmels gleich rücken tanzen wolken zwei tanzend

Wortwolke

Wortwolke zu An den Mistral

Stilmittel

Anapher
Tanzen wir in tausend Weisen. Frei - sei unsre Kunst geheißen, Fröhlich - unsre Wissenschaft!
Hyperbel
Stürm empor die Himmelsleiter
Kontrast
Zwischen Heiligen und Huren, Zwischen Gott und Welt den Tanz!
Metapher
Häng ihn - an den Sternen auf
Personifikation
Stürm empor die Himmelsleiter
Vergleich
Braust mein Glück dem Sturme gleich