An den Kuckuck

Adolf Friedrich Graf von Schack

1815

Stimme, die im Frühlingswinde Fernher durch das Laubgrün hallt, Tönt dein Ruf, wie einst dem Kinde, Neu mir aus dem Buchenwald?

Jahre, mehr als du dem Knaben, Muntrer Vogel, prophezeit, Sind seitdem verrollt; begraben Liegt die goldne Jugendzeit.

Hin die erste zauberische Dämmerhelle vor dem Tag, Als der Tau in Morgenfrische Auf des Lebens Blüten lag,

Hin der Rausch, als himmelwärts mir In der Jugend erstem Stolz Sich die Seele hob, das Herz mir An geliebten Blicken schmolz!

Du indes, Unsterblich-Froher, Hast in deiner Waldeslust Nichts von Trauer, nichts von hoher Hoffnungen Verblühn gewußt.

Neu dir keimt, wenn es gefallen, Mai für Mai das Laub empor, Und durch grüne Blätterhallen Schweifst du fröhlich wie zuvor.

Juble fort in deinen Hainen, Während, nie mehr zu erstehn, Unser Glück und unsre kleinen Leben in den Wind verwehn!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An den Kuckuck

Interpretation

Das Gedicht "An den Kuckuck" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist eine melancholische Reflexion über die Vergänglichkeit der Jugend und die Beständigkeit der Natur. Der Sprecher hört den Ruf des Kuckucks im Frühlingswind und wird dadurch an seine eigene Kindheit erinnert, die er im Buchenwald verbracht hat. Die Jahre sind vergangen, mehr als der Kuckuck dem Kind prophezeit hat, und die goldene Jugendzeit ist begraben. Der Sprecher erinnert sich an die erste zauberische Dämmerhelle vor dem Tag, als der Tau in Morgenfrische auf den Blüten des Lebens lag. Er denkt an den Rausch, als sich seine Seele in jugendlichem Stolz himmelwärts erhob und sein Herz an geliebten Blicken schmolz. Doch all diese Erinnerungen sind verblasst, und der Sprecher fühlt sich von Trauer und Verlust erfüllt. Im Gegensatz dazu bleibt der Kuckuck unsterblich fröhlich und unwissend über die Trauer und das Verblühen der Hoffnungen. Jedes Jahr keimt neu Mai für Mai das Laub empor, und der Kuckuck schweift fröhlich durch die grünen Blätterhallen, wie zuvor. Der Sprecher fordert den Kuckuck auf, in seinen Hainen weiterzujubeln, während das Glück und die kleinen Leben der Menschen in den Wind verwehen, nie mehr zu erstehen. Das Gedicht verdeutlicht die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens im Vergleich zur Beständigkeit der Natur.

Schlüsselwörter

neu mehr hin mai stimme frühlingswinde fernher laubgrün

Wortwolke

Wortwolke zu An den Kuckuck

Stilmittel

Anapher
Stimme, die im Frühlingswinde / Fernher durch das Laubgrün hallt
Hyperbel
Jahre, mehr als du dem Knaben, / Muntrer Vogel, prophezeit
Metapher
Leben in den Wind verwehen
Personifikation
Neu dir keimt, wenn es gefallen, / Mai für Mai das Laub empor