An den König von Preußen
1909Einst hat ein beßrer Mann gewagt, Mit seinem Lied vor dich zu treten; Du kennst ihn, der so unverzagt Die Tyrannei bei dir verklagt Und dich um deinen Schutz gebeten; Um Schutz für jenes arme Land, Das blutend vor dem Himmel stand Und keine, keine Hilfe fand, Als die Verzweiflung der Poeten.
O lebt′ er noch, er würde heut Dich aus dem süßen Schlummer stören, Ob alle Welt dir Weihrauch streut Und jeden Siegerkranz dir beut, Sein stolzes Herz würd′ sich empören. Er spräch′ dem falschen Jubel Hohn Und nahte zornig deinem Thron; Tot ist der Vater, und der Sohn, Der Mächtige, er müßt′ ihn hören.
Doch Platen schläft am fernen Meer, Und Polen ist durch uns verloren; In Ehrfurcht tret′ ich zu dir her, Wirf nach dem Dichter nicht den Speer, Weil eine Hütte ihn geboren, Weil er vor dir, dem Fürst, den Mut Zu flehn hat für dein eigen Gut, Zu flehen für dein eigen Blut, Fürs deutsche Volk, dem du geschworen!
Sieh, wie die Jugend sich verzehrt In Gluten eines Meleager, Wie sie nach Kampf und Tat begehrt - O drück′ in ihre Hand ein Schwert, Führ′ aus den Städten sie ins Lager! Und frage nicht, wo Feinde sind; Die Feinde kommen mit dem Wind: Behüt′ uns vor dem Frankenkind Und vor dem Zaren, deinem Schwager!
Die Sehnsucht Deutschlands steht nach dir, Fest, wie nach Norden blickt die Nadel; O Fürst, entfalte dein Panier; Noch ist es Zeit, noch folgen wir, Noch soll verstummen jeder Tadel! Fürwahr, fürwahr, du tust nicht recht, Wenn du ein moderndes Geschlecht, Wenn du zu Würden hebst den Knecht; Nur wer ein Adler, sei von Adel!
Laß, was den Würmern längst verfiel, In Frieden bei den Würmern liegen; Dir ward ein weiter, höher Ziel, Dir ward ein schöner Ritterspiel, Als krumme Lanzen grad′ zu biegen. Sei in des Herren Hand ein Blitz, Schlag in der Feinde schnöden Witz, Schon tagt ein neues Austerlitz, Mögst du in seiner Sonne siegen!
Das ratlos auseinander irrt, Mein Volk soll dir entgegenflammen; Steh auf und sprich: »Ich bin der Hirt, Der eine Hirt, der eine Wirt, Und Herz und Haupt, sie sind beisammen!« Das West und Ost, das Nord und Süd - Wir sind der vielen Worte müd; Du weißt, wonach der Deutsche glüht, - Wirst du auch lächeln und verdammen ?
Der Fischer Petrus breitet aus Aufs neue seine falschen Netze; Wohlan, beginn mit ihm den Strauß, Damit nicht einst im deutschen Haus Noch gelten römische Gesetze! Bei jenem großen Friedrich! nein, Das soll doch nun und nimmer sein. Dem Pfaffen bleibe nicht der Stein, An dem er seine Dolche wetze.
Noch ist es Zeit, noch kannst du stehn Dem hohen Ahnen an der Seite, Noch kannst du treue Herzen sehn, Die gern mit dir zum Tode gehn, Zum Tod und Sieg im heil′gen Streite. Du bist der Stern, auf den man schaut, Der letzte Fürst, auf den man baut; O eil′ dich! eh′ der Morgen graut, Sind schon die Freunde in der Weite.
Nun schweig, du ehernes Gedicht! Des Fürsten Mund wird bitter schmollen. Ich weiß, man hört die Sänger nicht, Man stellt die Freien vor Gericht Und wirft sie in die Schar der Tollen. Gleichviel - wie er auch immer schmollt, Ich hab′ getan, was ich gesollt; Und wer, wie ich, mit Gott gegrollt, Darf auch mit einem König grollen.
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Interpretation
Das Gedicht "An den König von Preußen" von Georg Herwegh ist ein leidenschaftlicher Appell an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV., sich aktiv für die deutschen Interessen einzusetzen und eine Führungsrolle in der deutschen Nationalbewegung zu übernehmen. Herwegh kritisiert die Untätigkeit des Königs und fordert ihn auf, die Sehnsucht der deutschen Jugend nach Einheit und Freiheit zu unterstützen. Das Gedicht ist geprägt von einem starken patriotischen und revolutionären Geist, der sich gegen die bestehenden politischen Verhältnisse und die katholische Kirche richtet. Herwegh erinnert den König an den Dichter August von Platen, der sich für Polen eingesetzt hatte, und fordert ihn auf, dessen Beispiel zu folgen. Er appelliert an den König, die deutschen Interessen gegenüber den "Frankenkind" (Frankreich) und dem "Zaren, deinem Schwager" (Russland) zu verteidigen. Herwegh betont die Notwendigkeit einer starken militärischen Führung und vergleicht die Situation mit dem Sieg Friedrichs des Großen in der Schlacht bei Austerlitz. Das Gedicht endet mit einer resignierten, aber trotzigen Note. Herwegh erkennt an, dass der König seinen Appell wahrscheinlich ignorieren wird, aber er ist entschlossen, seine Pflicht als Dichter und Patriot erfüllt zu haben. Er vergleicht sich mit dem biblischen Petrus, der ebenfalls gegen die bestehenden Verhältnisse rebelliert hat, und betont, dass er das Recht hat, auch gegen den König zu rebellieren, wenn er glaubt, dass dieser seine Pflicht gegenüber dem deutschen Volk vernachlässigt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- metapher
- mit einem König grollen
- personifikation
- Die Tyrannei bei dir verklagt