An den jungen Lenz

Anna Louisa Karsch

1763

Du junger Frühling kommst herab Vom Schöpfer, um ganz neues Leben Geschöpfen seiner Hand zu geben. Das Blumen-Volk verläßt sein Grab, Und mit empor gehobnem Haupte Beschämt es den, der keinen Gott Und für sich selbst Vernichtung glaubte. Der Vogel wiederspricht des Wiedersprechers Spott. Die Saat mit Millionen Zungen Aus schwarzer Erd herauf gedrungen Bestätiget, was er gesungen! Der Linde Blätter lispeln nach; Die Elbe rauscht und murmelnd spricht der Bach: “Es ist ein Gott, der laue Winde schickte, “Den Schnee zerschmolz, das Eis zerbrach, “Mit jungem Grün das Ufer schmückte “Und diese Sonne scheinen läßt! Nach sanft gefallnem Frühlingsregen Quackt der erweckte Frosch sein Fest, Und Fische scherzen ihr entgegen! Der Hirt heißt seine Heerde leben! Sie weidet jugendliches Graß, Blöckt ihre Freuden laut, und hört ohn Unterlaß Sich Thal und Hügel Antwort geben! Die Honigträgerin verläßt ihr kleines Haus Und saugt den Veilchen, wenn sie duften, Die Süßigkeit des kleinen Kelches aus. Die Schwalbe kommt aus Sumpf, wie aus verschloßnen Grüften Einst unsre Leiber neu hervor, Sie baut ihr Haus von Stroh und fetter Erde, Und schwitzert froh dem Menschen vor, Daß er auch wieder leben werde!

Hoch in der Wolken lauschend Ohr Singt mit nie heisch gewordner Kehle Das aufgeschwungne Lerchenchor.

O daß der Jäger sie verfehle! O daß der Habicht, ihr Tyrann, Der Räuber in dem Vogelreiche, Nicht eine hasche! daß die Lerch ihm klug entweiche, Wie vor dem Laster weicht, ein Christ, ein weiser Mann!

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Illustration zu An den jungen Lenz

Interpretation

Das Gedicht "An den jungen Lenz" von Anna Louisa Karsch ist ein Lobgesang auf den Frühling und dessen Schöpfer. Die Dichterin beschreibt den Einzug des Frühlings als göttliches Geschenk, das neues Leben in die Natur bringt. Sie verleiht den Pflanzen und Tieren eine Stimme, die die Existenz Gottes bezeugt und die Zweifler Lügen straft. Im zweiten Teil des Gedichts geht Karsch auf die Schönheit und Vielfalt des Frühlings ein. Sie schildert das Erwachen der Natur, das Summen der Bienen, den Gesang der Vögel und die Freude der Tiere. Dabei betont sie immer wieder die Rolle Gottes als Schöpfer und Erhalter dieser wunderbaren Welt. Abschließend wendet sich die Dichterin direkt an den Frühling und bittet ihn, die Lerchen vor dem Jäger und dem Habicht zu schützen. Sie vergleicht die Lerche mit einem weisen Christen, der dem Laster aus dem Weg geht. Mit diesem Gleichnis unterstreicht Karsch die moralische Botschaft des Gedichts: Die Schönheit der Natur soll den Menschen an die Existenz Gottes und die Notwendigkeit eines tugendhaften Lebens erinnern.

Schlüsselwörter

leben geben verläßt gott haus junger frühling kommst

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Stilmittel

Hyperbel
Millionen Zungen
Kontrast
O daß der Jäger sie verfehle! O daß der Habicht, ihr Tyrann, Der Räuber in dem Vogelreiche, Nicht eine hasche!
Metapher
das aufgeschwungne Lerchenchor
Personifikation
Hoch in der Wolken lauschend Ohr
Vergleich
wie vor dem Laster weicht, ein Christ, ein weiser Mann