An den Himmel
unknownO schöner, blauer Himmel, Der über mir gewölbet, Sich in der weiten Ferne Zur Erde niedersenket, Warum vermag dein Ende Ich nie, nie zu erreichen? Wie oft, auf freier Ebne, Lief ich aus allen Kräften Dem Orte zu, wo freundlich Die Erde du berührest, Und sah, dort angelanget, Mich jedesmal getäuschet: Denn während meines Laufes Warst mitleidslos du weiter Gerückt. Wenn du mit mir doch Verführst, wie manche Mutter, Die, um ihr träges Kindlein Zu üben, einen Apfel Mit rothen Wangen oder Die honigsüße Birne Ihm in erhobner Hand zeigt, Mit Worten es ermunternd. Das Kind, das Obst zu haschen, Stellt ein- und zwei- und vielmal Sich auf die schwachen Füße, Und zehnmal sind mißlungen Die eifrigen Versuche. Da läßt zuletzt die Mutter Es des Erfolges seiner Bemühungen sich freuen. Ich klage nicht darüber, Daß du das Ziel stets weiter Und weiter rückest; laß mich Nur endlich einmal deinen Anmuth′gen Rand erreichen, Und in die Wolken steigen, Die, Hügelreihen ähnlich, Auf ihm empor sich schichten. Laß wie in einem Boote Du mich von ihnen tragen Von einem Ort zum andern, Und aus der Luft die Erde Mich unter mir erblicken Gleichwie im Vogelfluge. Sei du nicht bang, o Himmel, Der Kopf wird mir nicht schwindeln. Fahr′ ich doch dreist im Kahne Oft über all den Wundern Der Wasserwelt, und sehe In Reihen umgestürzte Gebäude, Bäume, Thürme Tief unter mir sich regen. O laß dich, guter Himmel, Ein einzig Mal erbitten!
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Interpretation
Das Gedicht "An den Himmel" von Elisabeth Kulmann thematisiert die unerreichbare Ferne des Himmels und die Sehnsucht des lyrischen Ichs, ihn zu berühren. Die Dichterin beschreibt, wie der Himmel sich über ihr wölbt und sich in der Ferne zur Erde senkt, doch sein Ende nie erreicht werden kann. Sie vergleicht dies mit einer Mutter, die ihr Kind mit einem Apfel oder einer Birne lockt, um es zum Laufen zu ermutigen. Das Kind scheitert mehrfach, bevor es schließlich Erfolg hat. Das lyrische Ich beklagt nicht, dass der Himmel das Ziel stets weiter rückt, sondern bittet darum, ihn endlich einmal zu erreichen und in die Wolken zu steigen. Das Gedicht zeigt die menschliche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren und die Enttäuschung, wenn Ziele unerreichbar bleiben. Die Dichterin verwendet das Bild des Himmels als Metapher für etwas, das immer außer Reichweite bleibt, ähnlich wie das Kind, das den Apfel oder die Birne nicht erreichen kann. Das lyrische Ich fordert den Himmel auf, sich einmal erbitten zu lassen und es in die Wolken zu tragen, um die Erde von oben zu betrachten. Dies symbolisiert den Wunsch, über das Alltägliche hinauszuschauen und eine neue Perspektive zu gewinnen. Das Gedicht endet mit der Zuversicht des lyrischen Ichs, dass ihm beim Blick von oben nicht schwindelig werden wird. Es vergleicht dies mit dem Mut, in einem Boot über die Wasserwelt zu fahren und die umgestürzten Gebäude, Bäume und Türme tief unter sich zu sehen. Dies unterstreicht die Entschlossenheit des lyrischen Ichs, das Unerreichbare zu erreichen und eine neue Perspektive zu gewinnen. Das Gedicht ist ein Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach dem Unbekannten und dem Wunsch, über die Grenzen des Alltäglichen hinauszugehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- In Reihen umgestürzte Gebäude, Bäume, Thürme tief unter mir sich regen
- Hyperbel
- Und sah, dort angelanget, mich jedesmal getäuschet
- Metapher
- Sei du nicht bang, o Himmel, der Kopf wird mir nicht schwindeln
- Personifikation
- O schöner, blauer Himmel, der über mir gewölbet, sich in der weiten Ferne zur Erde niedersenket
- Symbolik
- Die Wolken steigen, die, Hügelreihen ähnlich, auf ihm empor sich schichten
- Vergleich
- Wie manche Mutter, die, um ihr träges Kindlein zu üben, einen Apfel mit roten Wangen oder die honigsüße Birne ihm in erhobner Hand zeigt